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Stau auf der Himmelsleiter

An sonnigen Tagen gleicht der Weg auf den Säntis einer Autobahn. Stockender Kolonnenverkehr bildet sich dann auf der Felsentreppe.
Michael Genova
Auf der Himmelsleiter erleichtern vier Ausweichstellen das Kreuzen.

Auf der Himmelsleiter erleichtern vier Ausweichstellen das Kreuzen.

ALPSTEIN. «Das ist ja richtig heftig hier», ruft ein deutscher Tourist, der die schwierigste Passage des Abstiegs bereits gemeistert hat. Er macht sich gerade bereit, um über die Blauschnee-Lücke zum Schneefeld hinunter zu klettern. Vorher vergewissert er sich, dass die entgegen kommenden Wanderer ihm den Vortritt lassen. Es ist Samstagmorgen und die Rushhour auf dem Wanderweg zum Säntis hat begonnen. Fast scheint es, als wollten alle Wanderer gleichzeitig um zwölf Uhr den Säntisgipfel erreichen und im Bergrestaurant eine goldbraune Rösti essen.

Jeder in seinem «Tramp»

Patrick Ferrari ist bereits um halb sieben Uhr auf der Schwägalp gestartet, im Bergrestaurant «Tierwis» hat er eine kurze Pause eingelegt. Ferrari wohnt erst seit vier Tagen in Gossau und ist bereits als Wanderer im Alpstein unterwegs. Zuvor hatte er in Singapur studiert und in Florenz gearbeitet – nun ist er seiner Frau in die Schweiz gefolgt. «An einem Samstag bei so schönem Wetter ist ein solcher Andrang normal», findet Ferrari.

Auf dem letzten Abschnitt zwischen Girenspitz und Säntis führt der Weg über einen felsigen Sattel. Dieser ist schmal, abfallend und mit Drahtseilen gesichert. Hier ist das Kreuzen noch möglich, schwieriger wird es, sobald man den Einstieg zur Himmelsleiter erreicht hat. Der Name bezeichnet eine Felsentreppe. Deren Stufen sind direkt in den Stein geschlagen, an besonders schwierigen Stellen sind zusätzlich Tritte aus Metall angebracht. Vier Ausweichstellen stellen sicher, dass es trotz Gegenverkehrs zu keinem Stau kommt. Ab halb elf Uhr bricht der Strom mit neuen Wanderern nicht mehr ab. Familien mit Kindern, Rentner, athletische Bergläufer und sogar ein Herrchen mit seinem erschöpften Hund – alle treffen sie auf der Himmelsleiter aufeinander. Im Gänsemarsch hievt sich Gruppe um Gruppe zum Gipfel hoch. Der hinterste Wanderer muss sein Tempo wohl oder übel dem vordersten anpassen. Eine Überholspur gibt es nicht. Doch nicht alle scheinen sich daran zu halten. «Wir haben uns über die Deutschen aufgeregt», sagt Barbara Sieber aus Wolfhalden. Sie diskutiert mit ihren Begleitern angeregt über die ungeduldigen Wanderer. Diese haben die Kolonne neben dem gesicherten Weg überholt. Zuvorderst sei ein Knabe etwas langsamer gegangen. «Es hat halt jeder seinen eigenen <Tramp>», sagt Sieber. Der Weg über die Himmelsleiter sei aber schön gewesen. Sie prophezeit, dass der Verkehr an diesem Samstag noch länger anhalten wird. «Wir haben viele Wanderer gesehen, die über die Tierwis am Aufsteigen sind.»

Ungläubiges Staunen

Oben an der Leiter angekommen, vermischt sich die Erleichterung der Wanderer mit ungläubigem Staunen. Viele können es kaum fassen, dass sie den Aufstieg geschafft haben. «Das mache ich nie mehr in meinem Leben – einen solchen Krampf hatte ich noch nie!», ruft ein Teenager. «So, jetzt muss ich austreten und zehn Minuten Stretching machen», keucht ein Mann in gelbem T-Shirt und mit rotem Victorinox-Stirnband. Claudia Beck aus St. Gallen führt ihren peruanischen Freund durch den Alpstein. Percy Gutierrez aus Lima sind Berge aus seiner Heimat vertraut, er bemerkt aber auch Unterschiede: «Die Anden liegen zwar höher, sind aber nicht überall so steil wie die Himmelsleiter. In der Schweiz fällt mir auf, dass alles so grün ist.»

Andreas Tobler aus Tägerwilen verabschiedet sich von einer Gruppe junger Männer, die er auf dem Weg kennengelernt hat. «Wandern verbindet», sagt er. Im vergangenen Jahr hat er den Säntis vier Mal bezwungen. Trotzdem stellt er sich jedes Mal die Frage, warum er die Strapazen auf sich nimmt. «Schön ist es nicht, nur anstrengend und steil.» Wolle er sich etwas beweisen?, fragt sich Tobler. Eine Antwort findet er nicht: «Egal, ich werde es trotzdem wieder tun.» Dann verschwindet er im Stollen, der zur Bergstation führt.

Der Verkehr lässt kurz nach – Zeit für ein Erinnerungsfoto.

Der Verkehr lässt kurz nach – Zeit für ein Erinnerungsfoto.

Den Blick zum Gipfel gerichtet: Im Gänsemarsch geht es auf der Felsentreppe dem Himmel entgegen. (Bilder: Michael Genova)

Den Blick zum Gipfel gerichtet: Im Gänsemarsch geht es auf der Felsentreppe dem Himmel entgegen. (Bilder: Michael Genova)

Eine Völkerwanderung mit klarem Ziel: Von der Schwägalp dauert der Aufstieg dreieinhalb Stunden. (Bild: Michael Genova)

Eine Völkerwanderung mit klarem Ziel: Von der Schwägalp dauert der Aufstieg dreieinhalb Stunden. (Bild: Michael Genova)

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