Stärken stärker betonen

Die Digitalisierung in der Berufswelt ist für die Toggenburger Industrie-, Gewerbe- und Dienstleistungsbetriebe eine Chance. Zu diesem Schluss kamen die Teilnehmer eines Podiums.

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Philippe Schiess, Alexander Widmer, Moderatorin Fabienne Bünzli, Marc Mächler, Christian Hildebrand sowie Urs Stillhard (von links). (Bild: Serge Hediger)

Philippe Schiess, Alexander Widmer, Moderatorin Fabienne Bünzli, Marc Mächler, Christian Hildebrand sowie Urs Stillhard (von links). (Bild: Serge Hediger)

LICHTENSTEIG. Wie attraktiv sind die Arbeitsplätze im Toggenburg? Wie schwierig ist die Rekrutierung geeigneten Personals? Und wie sieht die wirtschaftliche Zukunft aus? Solche Fragen diskutierte am Mittwochabend ein Podium, bestehend aus Vertretern von Industrie und Gewerbe sowie Regierungsrats- und Kantonsratskandidaten der FDP. Moderiert wurde die Runde von Kantonsratskandidatin Fabienne Bünzli.

«Unsere Branche bildet Berufe aus, die die Basis für viele andere spätere Tätigkeitsfelder bilden. Meine grosse Sorge gilt zum einen den Lehrlingen, deren Zahlen rückläufig sind. Zum anderen den ausgebildeten Berufsleuten. Ihnen rate ich zu Weiterbildung mit Vernunft: Natürlich ist es attraktiv, mit 25 Jahren Projektleiter zu werden. Aber Gewerbe und Industrie brauchen einfach auch gute Mitarbeitende. Es kann doch nicht sein, dass zwei 20-Jährige einander mit der Frage <Hoi, wie geht's, welche Weiterbildung machst du gerade?> begrüssen. Wer wird in zehn Jahren auf unseren Baustellen anzutreffen sein? Wenn es uns gelingt, dass menschliche Werte in der Arbeitskultur nicht verlorengehen und dass wir der Vermittlung des Handwerks, aber auch dem Vereinsleben in den Dörfern Sorge tragen, dann sehe ich eine positive Zukunft.»

«Je nach Branche ist die Abwanderung der jungen Berufsleute in die Städte unterschiedlich. In der Finanzbranche beispielsweise will man tanzen, wo die Musik spielt. Verständlich, doch brauchen wir auch Berufsleute, die ins Toggenburg zurückkehren. Daran muss der Kanton St. Gallen noch arbeiten. Das Tempo der Digitalisierung in der Arbeitswelt ist hoch. Ich sorge mich etwas, ob alle fit dafür sind. Das Toggenburg hat wirtschaftlich zwei Vorteile: Zum einen ist hier ein starkes Unternehmertum zu Hause. Denken wir an die expandierende und innovative Bäckerei Kuhn in Brunnadern. Zum anderen hat der Toggenburger eine hohe Arbeitsethik. In Verbindung mit der Digitalisierung, in der die Distanzen zu den Märkten eine weniger grosse Rolle spielen, sollten wir diese Vorteile besser herausstreichen.»

«Lohn, Team, Tätigkeit – zwei dieser drei Faktoren sollten bei einer Anstellung stimmen. Ich persönlich zähle auch die Lebensqualität dazu. Wenn die Lebensqualität stimmt, dann bleibe ich auch, denn ich frage mich: Was nützt es mir, wenn ich in St. Gallen oder in Zürich mehr verdiene, aber täglich lange Arbeitswege in Kauf nehmen muss? Selbst wenn ich einmal früher nach Hause gehe, bin ich spät daheim. In diesem Sinne ist das Toggenburg Heimat. Ich vertraue darauf, dass wir uns nicht wegrationalisieren. Maschinen sind nicht in der Lage, wichtige, kritische Fragen zu stellen. Übrigens: Die Arbeitslosigkeit ist im Toggenburg tiefer als im kantonalen Durchschnitt. Wenn es uns Toggenburgern gelingt, weniger zu jammern und stattdessen unsere Stärken herauszuschälen, dann sehe ich für unsere Wirtschaft positiv.»

«Spezialisten zu rekrutieren ist für einen Industriebetrieb immer Knochenarbeit, und wenn sie dann aus dem gleichen Holz geschnitzt sind, ist auch Glück dabei. Wir bilden sie darum von Grund auf selber aus und vertrauen darauf, dass sie bleiben oder nach Lehrjahren zurückkehren.

Unser Grips ist unsere Ressource. Dem dualen Bildungssystem in der Schweiz müssen wir Sorge tragen und hier den Hebel ansetzen: Wir bieten attraktive Lehrstellen in Berufen, die Genugtuung verschaffen und trotzdem auch Spass bieten. Wenn das Team passt, dann kann der Angestellte auch Leistung erbringen. Trotz Elektrifizierung, Automatisierung und Digitalisierung in der Industrie wird für eine Handbremse, wird für eine Autokupplung auch in Zukunft eine mechanisches Metallteil notwendig sein – vielleicht einfach in einem Elektrofahrzeug.»

«Tatsächlich beträgt der Lohnunterschied Stadt-Land auf Stufe Sachbearbeiter bis zu 1000 Franken. Für Personal besteht nun mal ein Markt.

Doch ich bin dazu übergegangen, Vakanzen nicht unter Zeitdruck zu schliessen. Grundsätzlich bin ich der Meinung: Es gibt keine schlechte Arbeit. Es gibt nur Menschen ohne Arbeit. Im Toggenburg werden in 20 Jahren mehr Firmen mehr Arbeitsplätze bieten, deren Aufgaben auch von zu Hause aus bewerkstelligt werden können. Home Office hat grosses Potenzial bei Dienstleistungen, die ortsunabhängig sind. Insofern sehe ich die Zukunft positiv. Lebensqualität und Arbeit werden dank der Digitalisierung dereinst nicht mehr so weit auseinanderklaffen. Verbunden mit dem Internet werden wir im Toggenburg dann auch nicht mehr peripher, sondern im Herzen Europas liegen.»

Aufgezeichnet von Serge Hediger

Bild: Urs Stillhard, Geschäftsführer, Kantonsratskandidat

Bild: Urs Stillhard, Geschäftsführer, Kantonsratskandidat

Bild: Urs Stillhard, Geschäftsführer, Kantonsratskandidat

Bild: Urs Stillhard, Geschäftsführer, Kantonsratskandidat

Bild: Urs Stillhard, Geschäftsführer, Kantonsratskandidat

Bild: Urs Stillhard, Geschäftsführer, Kantonsratskandidat

Bild: Urs Stillhard, Geschäftsführer, Kantonsratskandidat

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