ST.: Nur die Leitungen fehlen noch

Gallen Das Stadtparlament hat 65,5 Millionen Franken genehmigt, um das Fernwärmenetz auszubauen. Es soll schnell wachsen. Einerseits wollen das die Kunden so, anderseits ist die Wärmequelle schon bereit für mehr.

Drucken
Teilen

Am Dienstag stimmte das Stadtparlament mit 54 zu 6 Stimmen bei 2 Enthaltungen Ja zu einem Kredit von 65,5 Millionen Franken. Damit soll das Fernwärmenetz in der Stadt weiter wachsen. Gibt das Stimmvolk seinen Segen, erhalten die östlichen Quartiere bis 2022 neue Fernwärmeleitungen. Das ist laut Stadtrat Peter Jans auch gut so. Einerseits sei die Fernwärmeversorgung nämlich ein wichtiger Bestandteil des Energiekonzepts 2050 und somit ökologisch sinnvoll. Damit anderseits auch der ökonomische Aspekt stimmt, gelte es jetzt, neue Fernwärmekunden zu gewinnen. «Die Nachfrage ist sehr gross», sagt Jans. Dieses Kundenbedürfnis wolle die Stadt erfüllen, und zwar möglichst schnell. Denn jeder Liegenschaftsbesitzer, der heute eine neue Ölheizung kauft oder eine Erdsonde in den Boden bohrt, fällt für die nächsten Jahre als Fernwärmekunde weg. Deshalb macht die Stadt auf Tempo: Schon im November soll das Stimmvolk über den Fernwärmeausbau entscheiden.

Mehr Wärme aus der Kehrichtverbrennung

Auf der Nachfrageseite ist der Bedarf an Fernwärme offenbar gross, nur die nötigen Leitungen fehlen noch. Auch auf der Angebotseite sieht es für die Fernwärme gut aus. Als Hauptwärmequelle für das Netz dienen die Brennöfen des Kehrichtheizkraftwerks (KHK) im Sittertobel. Nach Abbruch des Geothermieprojekts – die Riesenerdsonde hätte ursprünglich die nötige Fernwärme liefern sollen – wurden das KHK und die zugehörige Fernwärmezentrale Au angepasst. Seit diesem Jahr kann die Technik dem heissen Dampf der Kehrichtverbrennung mehr Energie denn je entziehen. Eine Schlüsselrolle spielt dabei ein neuer Heizkondensator: ein runder, silbriger Turm in unmittelbarer Nähe der Brennöfen. Diese produzieren zwar gleich viel Wärme wie bis anhin, doch dank des Heizkondensators hat sich die nutzbare Abwärme des KHK im Vergleich zum Jahr 2016 fast verdoppelt. Aus dem KHK kommt somit mehr Fernwärme, als das Netz derzeit benötigt. Nicht zuletzt deshalb möchte Peter Jans das Fernwärmenetz möglichst schnell weiter knüpfen: «Die Wärmemenge ist parat. Warum sollen wir damit warten, sie zu verkaufen?»Warum braucht es dann trotzdem noch eine weitere Fernwärmezentrale, wie sie in der Lukasmühle geplant ist? Die Zentralen decken den Spitzenbedarf an kalten Wintertagen, wenn besonders viel geheizt wird und die Kehrichtverbrennung zu wenig Abwärme liefert. In der Fernwärmezentrale Waldau beispielsweise stehen seit Anfang Jahr zwei ­grosse, ölbetriebene Heizkessel bereit, in der Lukasmühle sind zwei gasbetriebene Heizkessel sowie zwei Blockheizkraftwerke geplant. Peter Jans bezeichnet die Fernwärmezentralen auch als «Versicherung». Steht der Fernwärmekreislauf ­ungeplant still, können die Heizkessel vorübergehend die Wärmeversorgung übernehmen: Die Fernwärmezentralen machen das Netz stabiler und sicherer.

Bis 2022 soll der Osten der Stadt mit Fernwärme erschlossen sein. Damit ist das Netz laut Jans vorläufig fertig gebaut, eine weitere Etappe sei nicht geplant. Doch grosse Stadtgebiete müssen auch in Zukunft ohne Fernwärme auskommen. Es lohnt sich wirtschaftlich nicht, die Leitungen bis hinauf in die Hangquartiere Rotmonten, Riethüsli oder St. Georgen zu ziehen. Dort möchte die Stadt mit anderen Massnahmen den CO2-Ausstoss senken, um die Ziele des Energiekonzepts 2050 erreichen. Jans: «Unsere Arbeit ist nach 2022 nicht einfach fertig.»

Roger Berhalter

roger.berhalter@tagblatt.ch