Spuren der Vergangenheit

Die Atmosphäre von leerstehenden Gebäuden fasziniert Sandro Ciciriello. Im Rahmen der «Wünsch dir was . . .»-Sommeraktion besuchte er das Kloster Maria der Engel in Appenzell.

Ueli Abt
Drucken
Teilen
Farbenpracht: Im Klostergarten wächst auch viel Gemüse.

Farbenpracht: Im Klostergarten wächst auch viel Gemüse.

APPENZELL. Als Leserin Karin Eicher aus Wienacht/Lutzenberg den Talon für die «Wünsch dir was . . .»-Sommeraktion der Appenzeller Zeitung sah, kam ihr ein Pausengespräch in den Sinn, das sie kürzlich mit einem Arbeitskollegen geführt hatte. Die Mitarbeiterin der heilpädagogischen Institution HPV in Rorschach hatte mit Sandro Ciciriello beim Kaffee über dessen bevorstehenden 50. Geburtstag geplaudert. «Wir sprachen darüber, dass man sich manchmal nicht die Dinge gewünscht hat, die man geschenkt bekommt, und dass man sich oftmals noch mehr über einfache Geschenke freuen würde, die nicht viel kosten», erzählt Ciciriello.

Vergänglichkeit spüren

Einmal in einem leerstehenden Gebäude herumgehen, dessen Atmosphäre erleben und anhand von Spuren sich in Gedanken das Leben der damaligen Bewohner ausmalen, das war es, was sich Ciciriello wünschte. Die Vergänglichkeit, vielleicht auch die unheimliche Atmosphäre des verlassenen Ortes zu spüren, das sei es, was ihn daran reize.

Spannende Geschichten

Die Umsetzung des Wunsches erwies sich als schwieriger als erwartet (siehe Text unten). Mit der Besichtigung des Klosters Maria der Engel Appenzell fand sich immerhin ein geschichtsträchtiger Ort, der vor interessanter Spuren und Verweisen auf die ehemaligen Bewohnerinnen nur so strotzte.

Emil Dörig, der zusammen mit seiner Frau Maria im Auftrag einer Stiftung das ehemalige Kloster bis auf weiteres verwaltet und in Schuss hält, führte Ciciriello und Eicher durch die Räume und erzählte eine spannende Geschichte nach der anderen. Dörig führte beispielsweise vor, wie früher die Schwestern an der Pforte über eine mechanische Vorrichtung eine Türe gegenüber öffnen konnten, durch welche Besucher in den Gästetrakt gelangten – das zeigte bereits exemplarisch, wie die Kapuzinerinnen die Quadratur des Kreises schafften, mit Aussenstehenden zu interagieren, ohne dabei das Gebot der Klausur zu verletzen.

In einem ehemals durch ein Gitter zweigeteilten Raum empfingen die Kapuzinerinnen Angehörige. Auch Bauern aus der Umgebung lieferten an einer Gitterschranke ihren Zins für gewährte Hypotheken ab; das Kloster war als Kreditgeberin für Landwirte eine gute Alternative zu den als «Zettelböcken» bezeichneten privaten Geldleihern.

Zentralheizung seit 1902

Dass auch hinter Klostermauern die Zeit nicht stillstand und es technische Neuerungen hierher schafften, liess sich beispielsweise in der Waschküche nachvollziehen: Hier steht noch der alte Siedhafen, aber auch eine Schulthess-Maschine in Hotelleriegrösse aus den 60er-Jahren. Im Refektorium löste 1902 ein Radiator der Zentralheizung den Kachelofen ab. Bereits 1905 erhielt das Kloster Stromanschluss. Die Kapuzinerinnen verabschiedeten sich zudem ohne Nostalgie vom bucklig geschruppten Holzboden im Obergeschoss: Trotz denkmalpflegerischer Einwände setzte die damalige Oberin Selina Hitz durch, dass die Gänge vor den Zellen einen praktischen Laminatboden erhielten.

Das Ehepaar Dörig hatte bei ihrem Arbeitsantritt und Einzug ins Kloster im Frühling 2008 den Wegzug der letzten fünf Schwestern nach 400 Jahren Klosterbetrieb miterlebt. «Wir haben noch gemeinsam zu Mittag gegessen», erzählt Dörig. Der Hunger sei nicht sehr gross gewesen, «der Abschied war sehr emotional», so Dörig. Dann hätten die Kapuzinerinnen Besteck und Serviette nicht wie bisher während Jahren in der Tischschublade verstaut, sondern beides eingepackt, um es an ihren neuen Wohnort, das Kloster Grimmenstein in Walzenhausen, mitzunehmen.

Gern «noch maroder»

Heute ist das Kloster zwar nicht ganz unbewohnt: nebst dem Verwalterehepaar beherbergt das Kloster Jakobs-Pilger, und auch weitere Interessierte, die sich befristet in die Stille zurückziehen wollen, sind willkommen. Für Ciciriello war der Rundgang, der vom Keller bis zum Dachstock führte, dennoch ein eindrückliches Erlebnis. «Es hätte für mich sogar noch maroder sein können», sagte der ehemalige Antikschreiner nach der gut zweistündigen Tour. Als Beschenkter fühle er sich aber nun wie an Weihnachten.

Die Uhr läuft zwar heute nicht mehr – doch die Zeit stand im Kloster zu Zeiten der Kapuzinerinnen keineswegs still.

Die Uhr läuft zwar heute nicht mehr – doch die Zeit stand im Kloster zu Zeiten der Kapuzinerinnen keineswegs still.

Memento mori: Ein Skelett erinnert an die Vergänglichkeit.

Memento mori: Ein Skelett erinnert an die Vergänglichkeit.

In vielen Klöstern entstanden sogenannte Fatschenkinder aus Wachs.

In vielen Klöstern entstanden sogenannte Fatschenkinder aus Wachs.

Den Kachelofen löste 1902 die Zentralheizung ab.

Den Kachelofen löste 1902 die Zentralheizung ab.

Aktuelle Nachrichten