Sprühende Spielfreude an Neujahr

LICHTENSTEIG. Am frühen Abend der ersten beiden Tage im neuen Jahr strömten viele Besucher in die vollbesetzte Lichtensteiger Freudegghalle. Dort erlebten sie das Neujahrskonzert «Radetzky in Jazz» des Toggenburger Orchesters.

Peter Küpfer
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Im abschliessenden Radetzkymarsch finden sich alle zusammen, das grosse Orchester, die Jazzband und das Klaviertrio. (Bild: Peter Küpfer)

Im abschliessenden Radetzkymarsch finden sich alle zusammen, das grosse Orchester, die Jazzband und das Klaviertrio. (Bild: Peter Küpfer)

«Musizieren können sie überall, feiern aber nur in diesem Saal.» So lautete eine der Kernaussagen, mit der Josef Rütsche, Präsident des Toggenburger Orchesters, sein Publikum gutgelaunt zum Neujahrskonzert mit dem Titel «Radetzky in Jazz» begrüsste. Und zwar tat er das singend, mit einem humorvollen Couplet, das schon auf den Wiener Stil einstimmte. In dieser Tradition stehen auch die Toggenburger Neujahrskonzerte, die im Dreijahresrhythmus nun zum sechsten Mal stattfanden. Ihr Dirigent müsste nicht Ernst Hüberli heissen, wenn da alles in seinen gewohnten Bahnen verlaufen wäre. Beim diesjährigen Neujahrskonzert waren als Mitwirkende nämlich die «Midlife Jazzband» sowie drei Toggenburger Pianisten mit von der Partie, die vielen vom «Pianissimo»-Konzert noch in lebhafter Erinnerung sind: Claudia Dischl, Matthias Hüberli und Matthias Roth. Mit ihnen und der Rheintaler Dixieland-Band bestehend aus Erwin Broder, Bandleader, Dario Denti, Beni Dürr, Hans Köppel, Michael Neff und Egon Rietmann war einmal mehr musikalische Spannung angesagt. Stadtpräsident Mathias Müller rief bei seinen Begrüssungsworten die Jubiläumsjazztage vor eineinhalb Jahren in Erinnerung, bei denen das Experiment, klassische Musik mit Jazz zu kombinieren, auf ein lebhaftes Echo gestossen war. Schon jetzt rief er die Musikbegeisterten dazu auf, mit ihrer Unterstützung durch Konzertbesuche im Rahmen der Jazztage 2015 solche kulturellen Ereignisse auch weiter zu ermöglichen.

Classic meets Dixie

Zunächst verlief das Konzert noch im traditionellen Rahmen. Johann Strauss' «Rosen aus dem Süden» erblühten in ihrer ganzen musikalischen Lieblichkeit und Pracht. Dazu trugen auch die wunderschöne Blumen-Dekoration im Bühnenbereich bei sowie die diskreten und einfallsreichen Beleuchtungseffekte. Schon beim zweiten Titel, dem «Einzugsmarsch» aus dem Zigeunerbaron von Johann Strauss, geschah aber Ungewohntes. Denn da marschierten keineswegs Soldaten ins Dorf, sondern die sechs gestandenen Männer des Dixieland-Ensembles auf die Bühne. Schon bei der nächsten Darbietung konnte man dann nicht nur sehen, sondern auch hören, was das auf Mozarts «Kleine Nachtmusik» – arrangiert von Hauskomponist Hanspeter Kübler – für Auswirkungen hatte. Seine eingängigen Motive wurden von den Jazzern aufgenommen und flugs in ihren Sound und Rhythmus uminterpretiert. Dann holte sich das Orchester «seinen Mozart» wieder zurück, um ihn beim nächsten Einsatz schon wieder an die Jazzer abzugeben. Der Habanera-Arie aus der Oper «Carmen» ging es nicht besser. Dabei liess sich das Orchester vom südlichen Temperament schon viel mehr übernehmen.

Beim Jazz-Klassiker «You are my sunshine» und noch mehr bei Gershwins «Summertime» ging das klassische Orchester zeitweise sogar in Führung und «swingte» der Jazzband mit seinen Geigen, Celli, Hörnern und seinem gesamten mächtigen Arsenal seine Motive vor. Diese wurden von der Dixielandseite prompt mit virtuosen Soli der Posaune (Egon Rietmann), der Trompete (Michael Neff) und des Saxophons (Beni Dürr) aufgenommen und wieder zurückgeworfen – zur grossen Freude des immer mehr mitgehenden Publikums.

Akrobatisches Klaviertrio

Mit dem Auftritt des dynamischen Klaviertrios blieb das Konzert musikalisch virtuos, stellenweise sogar akrobatisch. In «Humoreske» stahl es dem Orchester die Motive aus klassischen Sinfonien und funktionierte sie in ihren Rag um.

In «Anitra's Rag» von Donat Lambert, Arrangement von Matthias Roth, bekam der Begriff «schnelle Läufe» nicht mehr nur eine musikalische, sondern fast schon eine sportliche Bedeutung. Die Pianisten absolvierten in rasendem Tempo musikalisch Schwindelerregendes und wechselten dabei auch noch flink ihre Sitzpositionen, wobei der enge Klavierstuhl nicht nur überhüpft, sondern beim Spielen sogar bestiegen wurde – ein virtuoser Spass für Ohr und Auge, der vom Publikum intensiv beklatscht wurde.

Mit dem magistralen «Saint-Louis-Blues» und der Ikone «Tiger-Rag», auch hier wieder wie die meisten «verjazzten» Stücke in einem spannenden Arrangement von Hanspeter Kübler, endete das Programm offiziell. Die Standing Ovation des begeisterten Publikums führte zu einer Zugabe, «Cancan», und schliesslich zum Stück, das dem Programm seinen Namen gegeben hatte. Der würdig-pfiffige Radetzkymarsch wurde mit dem Klavierensemble und der Midlife-Jazzband gehörig «aufgepfeffert» und war so gleichzeitig Höhepunkt und Abschluss des attraktiven Konzerts.