Spitalverbund
Balmer zum Rücktritt von Svar-CEO Paola Giuliani: «Es ist bedauerlich, wenn in der jetzigen Phase der führende Kopf geht» +++ Gewerkschaften sind überrascht

Paola Giuliani beendet ihre Tätigkeiten für den Spitalverbund. Sie ist seit 1. Juni 2017 CEO des Svar. Die Suche nach einer Nachfolge soll zeitnah erfolgen. Die Gewerkschaften zeigen sich vom Rücktritt überrascht. Sie hatten erst vor Kurzem noch Verhandlungen mit Giuliani geführt.

Astrid Zysset, David Scarano,
Jesko Calderara
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Paola Giuliani, CEO des Spitalverbunds Appenzell Ausserrhoden, ist seit 2017 im Amt. Ende Jahr hört sie auf.

Paola Giuliani, CEO des Spitalverbunds Appenzell Ausserrhoden, ist seit 2017 im Amt. Ende Jahr hört sie auf.

Bild: Arthur Gamsa

Der Spitalverbund Appenzell Ausserrhoden (Svar) muss sich einen neuen CEO suchen. Dies teilte der Svar am Freitag in einer knappen Medienmitteilung mit. Paola Giuliani wollte sich zu ihrem Abgang nicht äussern. Der Schritte erfolge aus privaten Gründen, sagt Alain Kohler, Leiter Marketing und Kommunikation des Svar. Der Verwaltungsrat bedauere dies sehr, heisst es in der Mitteilung. Darin bedankt er sich bei Giuliani für deren «enormen Einsatz und die grosse Loyalität».

Die Rekrutierung einer Nachfolge für die CEO-Position wird das Unternehmen nach eigenen Angaben zeitnah in Angriff nehmen. Die Kündigungsfrist beträgt sechs Monate. So lange wird Giuliani noch im Amt bleiben.

Sparmassnahmen sorgten für Unruhe beim Personal

Paola Giuliani hat ihre Aufgabe beim Ausserrhoder Spitalverbund am
1. Juni 2017 angetreten. Zuvor war sie mehrere Jahre Vorsitzende der Geschäftsleitung der Forel-Klinik in Ellikon an der Thur und Zürich. Die Betriebswirtschafterin hat den Svar zu einer schwierigen Zeit übernommen. So resultierten alleine 2015 und 2016 Defizite von insgesamt annähernd 19 Millionen Franken. In der Folge musste Giuliani einen harten Sparkurs umsetzen, was unter der Mitarbeitenden immer wieder für Unruhe sorgte.

2017 wurde zudem eine neue Unternehmensstrategie ausgearbeitet. Deren Kernelemente waren eine Produktivitätssteigerung und eine stärkere Zusammenarbeit der beiden Akutspitäler Heiden und Herisau. Giuliani gelang es, die Kosten massiv zu senken und das Defizit zu verringern. Aus den roten Zahlen kam der Svar unter ihrer Führung allerdings nicht raus. Aus diesem Grund wurde Ende April die Schliessung des Spitals Heiden per Ende Jahr angekündigt.

Balmer sieht im Abgang auch eine Chance für den Spitalverbund

Nach diesem Entscheid befindet sich der Svar in einer unruhigen Situation. Der Rücktritt von CEO Paola Giuliani kommt zu einem ungünstigen Moment, ganz überraschend ist er für den Ausserrhoder Gesundheitsdirektoren Yves Noël Balmer allerdings nicht. In einer Umbruchsphase könne es zu solchen Abgängen kommen. Er sagt aber auch:

«Es ist bedauernswert, wenn in der jetzigen heiklen Phase der operativ führende Kopf geht.»

Er hoffe, dass der Verwaltungsrat des Svar an Bord bleibe und Giulianis Rücktritt nicht weitere Wellen schlage. «In der jetzigen, angespannten Situation brauchen wir Ruhe», sagt Balmer. Nicht nur müsse die Schliessung des Spitals sauber und fair über die Bühne gehen, das habe das Personal verdient. Es gehe auch um die Zukunft des Spitals Herisau und des Psychiatrischen Zentrums, die ebenfalls von den Strukturanpassungen betroffen seien. «Es geht um die Versorgungssicherheit der Ausserrhoder Bevölkerung und um die 650 Arbeitsplätze. Der Regierungsrat ist sehr besorgt wegen der Gesamtsituation des Spitalverbunds.»

Balmer hält aber auch fest, dass ein personeller Wechsel immer eine Chance sei. Wie gut Giuliani ihre Arbeit machte, will er nicht kommentieren. «Es liegt nicht an mir, diese zu beurteilen. Das Gesundheitsdepartement ist nicht die Anstellungsbehörde.»

Gewerkschaften hatten nicht mit dem Rücktritt gerechnet

Gross ist die Überraschung über Giulianis Abgang bei den Gewerkschaften. Beim Schweizerischen Verband des Personals öffentlicher Dienste (VPOD) Ostschweiz hatte man nicht damit gerechnet. Gewerkschaftssekretärin Alexandra Akeret sagt:

«Der Rücktritt kommt für mich sehr überraschend. Erst am Donnerstag hatten wir noch längere Verhandlungen mit ihr über den Sozialplan beim Spital Heiden. Es deutete nichts darauf hin, dass sie das Unternehmen verlassen wird.»

Andererseits sei die Situation für den Svar schon länger schwierig. Und auch die Gespräche mit dem VPOD seien harzig verlaufen. «Teils mussten die Gespräche und der Austausch gar erzwungen werden. Es war nie ein echter Austausch auf Augenhöhe.»

Auch der Berufsverband der Pflegefachpersonen (SKB) Sektion St.Gallen-Thurgau-Appenzell führte mit Giuliani regelmässig sozialpartnerschaftliche Gespräche. Und auch für diesen kommt der Rücktritt überraschend. Erst am Donnerstag fand das letzte Treffen statt und nichts habe auf den Abgang hingedeutet. SBK-Geschäftsleiterin Edith Wohlfender findet, dass sich Giuliani «mit Herzblut für den Svar und dessen Zukunft eingesetzt hat». Sie habe mit einigen betriebliche Reorganisationen versucht, die Kosten zu optimieren und dabei auch vom Personal den einen oder anderen Beitrag eingefordert. «In Sachen Anstellungsbedingungen hatten wir ab und an Meinungsverschiedenheiten. Letztendlich aber lag die Verantwortlichkeit bei der Arbeitgeberin», so Wohlfender.

Emmy Zürcher kritisiert den Führungsstil der CEO

Erleichtert über den Rücktritt von Paola Giuliani zeigt sich Emmy Zürcher. Die frühere Herisauer SVP-Kantonsrätin spricht gar von einem «Freudentag». Zürcher hat sich in Leserbriefen immer wieder kritisch zur Entwicklung des Spitalverbunds geäussert. Sie war selbst jahrelang für den Svar tätig und später eine Art inoffizielle Anlaufstelle für unzufriedene Mitarbeitende. Diese wandten sich mit ihren Sorgen jeweils an die pensionierte Pflegefachfrau.

Für die hohe Fluktuation beim Svar macht Zürcher in erste Linie die CEO verantwortlich. Unter Giuliani hätte das Personal wenig Wertschätzung erfahren. Zürcher sagt:

«Was mir besonders sauer aufgestossen ist, sind ihre fehlenden Menschenkenntnisse.»

Giuliani habe ihr gleichgesinnte Personen geschützt, die Unbequemen dagegen vor den Kopf gestossen und zum Schweigen gebracht, sagt Zürcher. Das habe sie mit der Maulkorbstrategie immer wieder bewiesen. «Meiner Ansicht nach müssen aber auch der Verwaltungsrat und die Politik in die Verantwortung genommen werden», sagt Zürcher. Der Exodus höre erst auf, wenn auf oberster Stufe endlich aufgeräumt werde.