Spitalgeschichte
«Ein eigenes Spital ist so etwas wie eine Kirche der Gesundheit im Dorf»: Über die historische Bedeutung des Spitals Heiden

Mit der Schliessung des Spitals in Heiden geht eine Ära zu Ende. 1874 wurde das Bezirkskrankenhaus in Heiden eröffnet – als erstes in Appenzell Ausserrhoden. Der Historiker Johannes Huber arbeitet zurzeit an der Geschichte des Spitals Heiden. Er berichtet von den Anfängen des Gesundheitswesens im Appenzellerland.

Elia Fagetti
Merken
Drucken
Teilen
Eine Ansichtskarte vom einstigen Bezirkskrankenhaus. Hier wurde aufgrund von Kurarzt Hermann Altherrs ideeller Gutsprache 1892 Henry Dunant interniert und dem Gründer des Roten Kreuzes ein Alterssitz zuteil.

Eine Ansichtskarte vom einstigen Bezirkskrankenhaus. Hier wurde aufgrund von Kurarzt Hermann Altherrs ideeller Gutsprache 1892 Henry Dunant interniert und dem Gründer des Roten Kreuzes ein Alterssitz zuteil.

Bild: Sammlung Andres Stehli, Heiden

Auf Initiative von Pfarrer Wilhelm Arnold hatte man als Ort für das Krankenhaus das Doppelwohnhaus Hohl-Göldi im heutigen Zentrum von Heiden 1872 erworben. Es folgten Umbauarbeiten, bis es zwei Jahre später mit 15 Patientenbetten eröffnet wurde. Nach dem Zweiten Weltkrieg kam es zu einem chronischen Platzmangel, weshalb 1964 die Bevölkerung einen Kredit von 7,85 Millionen Franken zu einem Neubau sprach. Der Neubau wurde 1967 fertiggestellt. Von 1969 bis 1993 diente das alte Krankenhaus, das Dunant-Haus genannt (heute unter anderem ein Museum zu Ehren des Gründers des Roten Kreuzes), als Pflegeheim.

In den 1990er-Jahren wurden ungefähr 27 Millionen Franken in einen erneuten Ausbau der Spitalinfrastruktur investiert. Seit 1998 gibt es das Spital Heiden, wie es in heutiger Form besteht. Neben dem Museum beherbergt das Dunant-Haus Teile der Spitalinfrastruktur. Dies beinhaltet unter anderem die Diabetesberatung oder traditionelle chinesische Medizin.

Wirft man einen vertiefenden Blick in die Vergangenheit des Spitals Heiden, so fallen doch einige Merkwürdigkeiten auf. Zum Beispiel finden sich nicht viele Informationen zum Gesundheitswesen vor dem Bau des Bezirkskrankenhauses.

Johannes Huber, wie sah die Gesundheitsversorgung im Appenzellerland vor dem Bau des Bezirkskrankenhauses 1874 aus?

Noch während des 19. Jahrhunderts war die Lebenserwartung in Heiden tief, die Sterblichkeit, insbesondere jene von Kindern, hoch. Vor dem Bau des Krankenhauses gab es in Heiden verschiedene Ärzte – von unterschiedlicher Qualität. All dies gilt auch für den übrigen Kanton Appenzell Ausserrhoden und die Ostschweiz. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nahm das Bedürfnis nach besserer medizinischer Versorgung zu. Das Aufblühen des Kurbetriebs in Heiden verstärkte die medizinische Nachfrage. Ein Spital war auch eine Frage des Prestiges. Es trug dazu bei, die medizinische Grundversorgung zu sichern. Das Spital Heiden, das erste Krankenhaus im Gebiet des Kantons Appenzell Ausserrhoden, war 1874 der Stolz dieser Gemeinde.

Henry Dunant. Gründer des Roten Kreuzes. 1895 in einem der von Dunant bewohnten Zimmer des Bezirkskrankenhauses in Heiden entstandene Aufnahme, angefertigt durch Otto Rietmann.

Henry Dunant. Gründer des Roten Kreuzes. 1895 in einem der von Dunant bewohnten Zimmer des Bezirkskrankenhauses in Heiden entstandene Aufnahme, angefertigt durch Otto Rietmann.

Bild: KBSG

Henry Dunant, der Gründer des Roten Kreuzes, weilte von 1887 bis zu seinem Tod 1910 in Heiden. Inwiefern hatte der Aufenthalt Henry Dunants einen Einfluss auf das Spital?

Henry Dunant kam erst nach der Gründung des Spitals nach Heiden. Der philanthropisch veranlagte Kur- und Spitalarzt Hermann Altherr verschaffte in dieser Heil- und Pflegeanstalt dem Gründer des Roten Kreuzes einen Platz als Dauerpensionär. Dunant hatte also mit der Gründung des Krankenhauses nichts zu tun und auf dessen Entwicklung keinen – unmittelbaren – Einfluss. Der Ruf Heidens zog Dunant an. Die Wiederentdeckung Dunants in Heiden wurde sodann zu einem leuchtenden Mosaikstein in der Geschichte dieses Hauses, das seither mit dem Namen des Rotkreuzgründers verbunden ist.

Abb. 6 Hermann Altherr. Kurarzt, Armendoktor, Förderer des Fremdenverkehrs in Heiden und Politiker. Aufnahme ca. 1915/1920.

Abb. 6 Hermann Altherr. Kurarzt, Armendoktor, Förderer des Fremdenverkehrs in Heiden und Politiker. Aufnahme ca. 1915/1920.

Bild: Sammlung Museum Heiden, Heiden

Kurze Zeit nachdem Dunant nach Heiden gekommen war, zogen Diakonissen von Riehen bei Basel nach Heiden. Warum sind die Diakonissen nach Heiden gekommen? Nur wegen Dunant?

Bevor es den (geschulten) Beruf der Pflegeperson gab mit entsprechendem schulischem Angebot und Vorlauf, behalf man sich mit teils ungenügendem Personal. In Heiden war das so: Die Anstellung einer Magd und eines Knechts musste 1874 vorerst die Bedürfnisse der Krankenpflege abdecken. Als Glücksfall erwies sich die Anstellung von Schwestern aus der Diakonissenanstalt Riehen (BS). Die Schwestern brachten eine gewisse Kontinuität und Professionalisierung ins Haus. In «katholischen Spitälern» waren in der Krankenpflege Schwestern aktiv, beispielsweise aus der Kongregation Baldegg, in «reformierten Spitälern» (Heiden) leisteten Diakonissen diesen Dienst. Eine dieser Diakonissen, Oberschwester Elise Bolliger, hat sich besonders um Dunant gekümmert und sein Vertrauen genossen.

1917 übernahmen die Vorderländer Gemeinden inklusive des Bezirks Oberegg die Rechten und Pflichten für das Spital. Warum konnte Heiden die Kosten des Spitals 1917 nicht mehr allein tragen?

Heiden teilte damals das Los vieler Krankenhäuser. Die medizinische Versorgung wurde teurer, da das Personal zunahm, die Infrastruktur (Bauten) und technische Apparate zu Buche schlugen. 1917 wurde aus dem Quasi-Gemeindespital mit weitem Einzugsgebiet eine Krankenversorgungsstation mit breiterer und finanziell stärkerer Trägerschaft. Es gab damals noch keine Krankenkassen; letztlich standen hinsichtlich der Kosten die Gemeinden für ihr Patientengut gerade, was sich ab 1917 auf die Finanzierung des Spitals vorerst positiv auswirkte und ausreichte.

Kurz nachdem das Spital in die Hände der Vorderländer Bürger gelegt wurde, ging der Erste Weltkrieg zu Ende. Wie wirkte sich dieser auf die Gesundheitsversorgung im Appenzellerland speziell in Heiden aus?

Jeder Krieg wirkt sich auf die Gesundheit einer Bevölkerung aus – auch auf jene eines Landes, das, wie die Schweiz, nicht unmittelbar am militärischen Verlauf der Auseinandersetzung beteiligt war. Ich habe die Fallzahlen im Spital Heiden zwischen 1914 und 1918 nicht gesichtet und mit jenem vor und nach dem Krieg verglichen, und ich kenne das allenfalls noch bestehende Zahlenmaterial auch nicht. Dies wäre Aufgabe im Hinblick auf die gründliche Aufarbeitung der Geschichte des Heidler Spitals. Sicher ist, dass das Krankenhaus Heiden für ein Landspital bereits 1914 technisch recht gut gerüstet war, beispielsweise mit einem Röntgenapparat oder einer Dampf-Desinfectionsanstalt (zur Sterilisierung von Bettwäsche, Kleidern, usw.). Es gab auch ein Absonderungshaus, das gerade in pandemischen Zeiten wichtige Zwecke erfüllte (Spanische Grippe, 1918–1920).

Im Gebäude der Dampf-Desinfectionsanstalt befand sich ein Dampfdesinfektionsapparat. Hier konnten die Matratzen, Decken, Kissen, Anzüge und die private Wäsche der Hospitalisierten sterilisiert werden. Der Wagen im Vordergrund diente dem Transport des Desinfektionsguts. Aufnahme ca. 1914.

Im Gebäude der Dampf-Desinfectionsanstalt befand sich ein Dampfdesinfektionsapparat. Hier konnten die Matratzen, Decken, Kissen, Anzüge und die private Wäsche der Hospitalisierten sterilisiert werden. Der Wagen im Vordergrund diente dem Transport des Desinfektionsguts. Aufnahme ca. 1914.

Bild: HMHeiden, Album A 116.

Rechts sieht man das Absonderungshaus. Hier wurden Patienten mit ansteckenden Krankheiten (z. B. Typhus, Pocken) von den übrigen abgesondert. Aufnahme ca. 1914. Quelle: HMHeiden, Album A 116. Links sieht man den 1967 fertiggestellten Neubau nach Plänen von Architekt Otto Glaus aus Zürich. Bilder: KBAR

Zu Beginn des Ersten Weltkriegs war das Spital Heiden schon eine wichtige Institution. Welchen Stellenwert hatte das Spital, als es eröffnet wurde?

Betrachtet man nun noch den strategischen Aspekt, so lässt sich feststellen, dass die Gründung von Landspitälern immer schon dazu beigetragen hat, dass aus Dörfern Zentrumsorte wurden. Auch in Heiden war dies so. Bereits seit langem ein Verkehrsknotenpunkt, förderte dies im Ort insbesondere nach dem Brand von 1838 das Gewerbe und die Errichtung neuer Gebäude. Mit dem Doppelwohnhaus im Werd stand 1870 ein zur Führung eines Krankenhausbetriebs geeignetes Objekt zur Verfügung. Die Institution stärkte die Position von Heiden, dass auch dank des Spitals seine Stellung als Hauptort des Vorderlands verstärken konnte.

Warum war das Spital wichtig für die Region? Hätte man nicht einfach nach St.Gallen gehen können?

Gerade die aktuelle Spitaldebatte in der Ostschweiz – und die Schliessung des Spitals Heiden ist ein Teil davon – zeigt, wie sehr der Mensch an gewohnten Strukturen hängt. Ein Spital ist ein Symbol für den Kreislauf des Lebens. Hier kommen Menschen zur Welt, hier werden Menschen gesund, hier sterben Menschen. Abgesehen davon, dass ein Spital auch ein wichtiger Arbeitgeber ist – gerade Heiden führt uns dies aktuell vor Augen –, sind mit einer solchen Institution immer auch Emotionen verbunden – Gefühle von Heimat und Sicherheit. St.Gallen ist eben nicht gleich Heiden oder Herisau, und auch Herisau ist nicht gleich Heiden. Ein eigenes Spital ist so etwas wie eine Kirche der Gesundheit im Dorf. So etwas gibt man nicht gerne her.

Zur Person

Johannes Huber – Historiker aus St.Gallen

Johannes Huber – Historiker aus St.Gallen

Ausserdem ist er Kunsthistoriker und er ist Mitautor des neuen Geschichtsbuches Heiden. Er unterrichtet an der Kantonsschule Sargans.