Spital Heiden
«Finde ich überhaupt noch eine Stelle?»: Was die Spitalschliessung für das Personal und das Gewerbe bedeutet

Mit der Schliessung des Spitals Heiden gehen rund 180 Arbeitsplätze verloren. Doch auch Zulieferer und Dienstleister bekommen das Aus auf Ende Jahr zu spüren, unter anderem die 2019 ausgelagerten Reinigungs- und Wäschereimitarbeiter. Der Berufsverband der Pflegefachpersonen nimmt nun auch die Regierung in die Pflicht.

Elia Fagetti, Alessia Pagani und Jesko Calderara
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Durch die Schliessung des Spitals Heiden werden voraussichtlich 130 Personen ihre Anstellung verlieren.

Durch die Schliessung des Spitals Heiden werden voraussichtlich 130 Personen ihre Anstellung verlieren.

Bild: Alessandro Della Valle / KEYSTONE

Auch drei Tage nach Bekanntgabe der Schliessung des Spitals Heiden sitzt der Schock bei den Mitarbeitenden tief. 180 Arbeitsstellen gehen in Heiden verloren, die Anzahl Kündigungen wird aber tiefer sein. Der Svar spricht von 130 Personen, die – Stand heute – voraussichtlich ihre Anstellung verlieren werden. «Für uns ist es das Wichtigste, dass für alle eine gute Anschlusslösung gefunden wird», sagt Alain Kohler, Kommunikationsverantwortlicher des Spitalverbunds (Svar).

Ein Augenschein vor Ort macht die bedrückte Stimmung unter den Mitarbeitenden deutlich. Eine Pflegefachperson fragt:

«Ich bin schon bald pensioniert. Kriege ich überhaupt noch eine Stelle?»

Gemeinsam mit zwei Arbeitskollegen sitzt sie in der Mittagspause zusammen. Alle drei wollen anonym bleiben. «Das Durchschnittsalter der Angestellten ist relativ hoch. Viele befürchten, keine Stelle mehr zu finden», erwidert die Kollegin. Für viele, die hier arbeiten, sei das Spital zu einem zweiten Zuhause geworden. «Das will man nicht aufgeben», sagt die Dritte. Hinzu komme Verwirrung wegen der Spitalschliessung während der Pandemie. Man beklage sich über eine zu hohe Auslastung der IPS-Betten, aber dann schliesse man Spitäler, sagt sie. Das sei unverständlich.

Berufsverband hat noch viele offene Fragen

Edith Wohlfender, Geschäftsleiterin Berufsverband Pflegefachpersonen SBK der Sektionen St. Gallen-Thurgau-Appenzell.

Edith Wohlfender, Geschäftsleiterin Berufsverband Pflegefachpersonen SBK der Sektionen St. Gallen-Thurgau-Appenzell.

Bild: PD

Bei Edith Wohlfender vom Berufsverband der Pflegefachpersonen Sektion St.Gallen-Thurgau-Appenzell sind immer noch viele Fragen offen: «Wir wissen nicht einmal, wie viele und wer alles seine Stelle verlieren wird.» Wohlfender war in den vergangenen Jahren als Sozialpartnerin bei Verhandlungen und Gesprächsrunden mit dem Svar immer dabei. Sie sagt:

«Es geht hier um Mitarbeitende, die jahrelang und mit extremer Loyalität hinter dem Spitalverbund gestanden sind und alle Umstrukturierungen und Anpassungen mitgetragen haben. Sie haben alles darangesetzt, den Betrieb aufrechtzuerhalten.»

Sie spricht davon, dass der Svar mindestens einen Teil der 50 Mitarbeitenden in Frühpension schicken will. Die Modalitäten seien noch nicht ausgearbeitet. «Wir hätten uns gewünscht, dass die Rahmenbedingungen von möglichen Frühpensionierungen am Montag bereits bekannt gewesen wären», sagt Wohlfender. Vor allem bei Niedriglöhnern sei dies wichtig. Wohlfender gibt zu bedenken, dass vom Entscheid nicht nur das Pflegepersonal, sondern verschiedenste Berufsgruppen, von der Hilfskraft bis zur Chefärztin, betroffen sind. «Und viele andere.»

Die Stellensuche werde sich vor allem für das Pflegepersonal trotz Fachkräftemangel nicht einfach gestalten. Oft fehle das spezifische Fachwissen. «Pflegepersonen beispielsweise aus der Gynäkologie sind nicht erfahren in der Pflege von Knieoperationen. Der Wechsel der Abteilung ist daher immer mit einer Einarbeitung oder Weiterbildung verbunden», so Wohlfender. Noch schwieriger sei die Vermittlung in Alterseinrichtungen.

Sozialplan wird noch erstellt

Ab zehn Kündigungen muss vom Arbeitgeber ein Sozialplan ausgearbeitet werden. Noch liegt kein solcher vor. Nächste Woche sollen erste Gespräche laufen. Wohlfender nimmt auch den Ausserrhoder Gesundheitsdirektor Yves Noël Balmer in die Pflicht. «Es wird zahlreiche Einzellösungen brauchen. Wir haben hohe Ansprüche an die Regierung, dass sie die Verantwortung wahrnimmt und mit uns bestmögliche Lösungen sucht. Es muss ein guter Sozialplan ausgearbeitet werden und wir verlangen dabei grösstmögliche Unterstützung», sagt sie und nennt eine der Forderungen, die sie nächste Woche anbringen wird:

«Die Ausbildung der zwölf Lernenden muss gewährleistet bleiben. Für sie muss unbedingt ein geeigneter Ausbildungsplatz gefunden werden.»

Dieser müsse nicht unbedingt innerhalb des Svar sein. Wohlfender sagt:

«Es ist bedauerlich, wenn Ausbildungsplätze für Pflegefachkräfte verloren gehen. Hier stehen auch die Kantone in der Pflicht.»

Am Mittwochnachmittag wandte sich auch der Heidler Gemeinderat nochmals mit einer Medienmitteilung an die Öffentlichkeit und drückt sein Mitgefühl für die Mitarbeitenden aus. Er sieht den Svar in einer besonderen Verantwortung, die Mitarbeitenden professionell und umfassend bei der Stellensuche zu unterstützen. Mit der Schliessung des Spital Heiden verliere die Gemeinde einen ihrer grössten Arbeitgeber sowie einen bedeutenden Auftraggeber für das Gewerbe. Für Heiden und das gesamte Vorderland bedeute dies einen grossen Verlust an Standortattraktivität, heisst es in der Mitteilung.

Gewerbe hat vor allem von Gebäudesanierung profitiert

Auswirkungen hat die Spitalschliessung auch auf Drittfirmen, welche für den Svar tätig sind. So wurde beispielsweise Mitte 2019 die Wäscherei und die Reinigung an die ISS Facility Services AG ausgelagert. Rund 41 Mitarbeitende sind für den Spitalverbund tätig. Nachdem nun ein Teil des Umsatzes wegfällt, werden für neun Angestellte neue Lösungen gesucht, etwa an anderen Standorten. Dies bestätigt die Medienstelle der ISS Facility Services AG auf Anfrage.

Mit dem Spital wird zudem dem Heidler Gewerbe in Zukunft ein Kunde wegfallen. Kurt Sonderegger, Präsident des Handwerker- und Gewerbevereins Heiden, sagt:

«Es tut immer weh, wenn solche Betriebe einfach schliessen.»

Vor allem bei Gebäudesanierungen, An- und Umbauten habe der Spitalverbund Aufträge jeweils an ortsansässige Firmen oder zumindest in der Region vergeben.

Ganz anders sieht die Situation bei der Küche aus, die vor einiger Zeit nach Herisau verlegt wurde. Mit seinem Getränkehandel sei er als Lieferant wahrscheinlich noch eine Ausnahme, sagt Sonderegger. In Unternehmen wie dem Spitalverbund werde das Beschaffungswesen immer öfter zentralisiert, digitalisiert und auf Einkaufsplattformen geschaltet. Da kann es gemäss Sonderegger vorkommen, dass die kleinen Betriebe aufgrund fehlender finanzieller Mittel auf der Strecke bleiben. Profitiert hat das Gewerbe in Heiden dafür an Weihnachten, wenn der Svar seinen Mitarbeitenden jeweils ein Geschenk in Form von Häädler-Batzen ausbezahlte.