Spielerisch lernen mit Nili

Kilian strahlt über das ganze Gesicht, als Veronika Zemp die Tür des Gartenzauns öffnet. Der vierjährige Knabe, der mit dem Down-Syndrom geboren wurde, rennt zu ihr und ruft freudig «Nili!». Ja, beruhigt ihn Veronika Zemp, sie habe Nili dabei.

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Kilian strahlt über das ganze Gesicht, als Veronika Zemp die Tür des Gartenzauns öffnet. Der vierjährige Knabe, der mit dem Down-Syndrom geboren wurde, rennt zu ihr und ruft freudig «Nili!». Ja, beruhigt ihn Veronika Zemp, sie habe Nili dabei. «Hast du schöne Ferien gehabt?», fragt die Früherzieherin das Kind. Doch Kilian hat die Frage schon nicht mehr gehört. Er tollt schon wieder mit seinem Bruder Lukas durch den Garten. «Wir könnten heute hier im Garten bleiben», schlägt Veronika Zemp vor. Während Kilians Mutter eine Decke holt, nimmt sie Nili aus ihrer Tasche und streift die Puppe über ihre Hand. Schnell sind Kilian und Lukas da und begrüssen lachend das herzige Tierchen und rennen schon wieder zum Brunnen. «Komm, wir singen noch ein Liedchen», ermuntert Veronika Zemp Kilian. Er lässt sich nicht zweimal bitten und schenkt der Heilpädagogin seine ganze Aufmerksamkeit. Dass sie mit ihm lernt, scheint er nicht zu merken. Im Gegenteil, ihm gefallen die Spiele, die Liedchen und die Tänze mit Veronika Zemp.

Spielideen auch für die Eltern

Seit rund drei Jahre kümmert sich Veronika Zemp vom Heilpädagogischen Dienst St. Gallen um Kilian. In dieser Zeit habe er sehr viele Fortschritte gemacht, erklären die Eltern, Katja und Markus Huber. Mit der Früherzieherin könne ihr Sohn konzentriert und in Ruhe etwas Neues lernen, sagen sie. Die spezifische Förderung eines Kindes sieht Veronika Zemp als Kernaufgabe des Heilpädagogischen Dienstes. Sie kümmert sich aber nicht ausschliesslich um das Kind, sondern bezieht auch die Eltern und Geschwister in ihre Arbeit ein. Sie würden viel profitieren, bestätigen Katja und Markus Huber. «Dank Veronika Zemp erhalten wir Spielideen, die uns gar nicht in den Sinn kommen würden», sagen sie.

Unterstützte Kommunikation

Veronika Zemp hat sich mit Kilian auf die Decke gesetzt und zeigt ihm verschiedene farbige Kugeln. Grün, blau, rot, gelb – er kann die Farben richtig zuordnen. Jeden Begriff verknüpft er mit einer Geste, wie es ihm die Heilpädagogin gezeigt hat. Neu lehrt sie ihn die Farben schwarz und weiss. Fasziniert schaut Kilian auf die farbigen Kugeln, dann auf gleichfarbige Tücher. Plötzlich steht er auf und rennt zu einem Federball-Schläger. Veronika Zemp lässt ihn spielen, verpackt derweil die weisse Kugel in ein weisses Tüchlein und geht zu Kilian. «Ufe werfe», sagt der Kleine, streckt sich und schaut in den Himmel. Veronika Zemp wirft die Kugel hinauf, Kilian lacht. Mehrmals wiederholt sie das Spiel, dann hat Kilian genug. «Komm, wir gehen tanzen», schlägt Veronika Zemp vor. Das lässt sich Kilian nicht zweimal sagen. Gemeinsam singen sie ein Lied von einem Teddybären und drehen sich dabei im Kreis. Während sie singen, stampfen sie auf den Boden, stehen auf einem Bein oder legen sich hin. Auch bei diesem Spiel lernt Kilian etwas. Manchmal würde Veronika Zemp beim Ringelreihen Lukas auch einbeziehen, erklärt Katja Huber.

Neues lernen mit Frau Zemp

Er wolle Versteckis spielen, schlägt Kilian der Früherzieherin vor. Sie geht auf den Wunsch des Kindes ein. Er lacht und rennt weg, Veronika Zemp hält sich die Augen zu und zählt bis zehn. «Ich komme dich suchen», ruft sie zu Kilian, der ganz in der Nähe steht und lacht. «Ich habe dich schon gefunden», sagt Veronika Zemp und nimmt den Kleinen in den Arm, er lacht noch mehr.

Die beiden setzen sich auf die Decke und Kilian erzählt zusammen mit der Mutter doch noch von den Ferien. Vom Baden im See und vom Schifffahren mit den Eltern und den Grosseltern. Gerade beim Sprechen seien die Fortschritte gross, attestieren die Eltern und die Früherzieherin. Auch Lieder nimmt Kilian gut auf. Vor allem gefalle ihm aber, wenn Veronika Zemp neue Spielsachen mitbringt. «Was er nicht kennt, ist sehr spannend für ihn. Dann kann er sich richtig konzentrieren», erzählt Katja Huber. Sie sieht es als Vorteil, dass Veronika Zemp zur Familie nach Hause kommt und dass sie und ihr Mann mit einbezogen werden. «Wir können vieles von ihr übernehmen und mit Killian zwischen den Therapiestunden wiederholen», erklärt sie.

Nur noch wenige Male

Einiges wird Kilian an diesem Morgen noch erfahren. Veronika Zemp holt seine Aufmerksamkeit zurück, indem sie seine Füsse eincremt. Dabei streicht sie ihm über die Beine, was den Kleinen erneut zum Lachen bringt. Nur noch wenige Male wird Veronika Zemp Kilian besuchen, dann wird ihre Nachfolgerin Christine Kündig die weitere heilpädagogische Betreuung übernehmen. Kilian wird sie wohl genauso liebevoll begrüssen, wie er es jeweils mit Veronika Zemp gemacht hat. Vorausgesetzt, dass auch sie seinen kleinen grauen Freund Nili dabei hat.

Sabine Schmid