Spieglein, Spieglein…

…am Badezimmerschrank, bist du heut' morgen womöglich krank? Hat die dampfende Dusche deine Sicht getrübt? Oder bist du so früh einfach ein wenig ungeübt? Hast du vielleicht noch Schlafstaub in den Augen?

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…am Badezimmerschrank,

bist du heut' morgen womöglich krank?

Hat die dampfende Dusche deine Sicht getrübt?

Oder bist du so früh einfach ein wenig ungeübt?

Hast du vielleicht noch Schlafstaub in den Augen?

– Sollten diese doch eigentlich zu weit mehr taugen.

Siehst du dich etwa von dichtem Nebel umfangen?

Oder ist dir schlicht die Farbe ausgegangen?

Irgendein Problem muss dein System auf jeden Fall haben,

denn was du mir da zeigst – ich wag's kaum, zu sagen –,

kann unmöglich – noch nicht, nein, nein –

das Ebenbild meines Angesichts sein.

Denn mitten in der inzwischen braunen Mähne,

die ich jeden Morgen mit grösster Sorgfalt zähme,

sehe ich in deiner Kopie ganz klar

ein schimmernd graues Haar.

Instinktiv will ich nach ihm greifen,

es samt seiner Wurzel ausreissen,

da fällt mir ein, was man als Mädchen mir prophezeit?:

Für jedes gezupfte graue Haar, sieben neue liegen bereit.

– Darauf kann ich mit 21 Jahren nun wirklich verzichten.

Meiner Friseuse will ich von meinem Schrecken berichten.

Sie wird mein Klagen verstehen,

mir mit fachkundigem Rat zur Seite stehen;

vielleicht können ihre Tinkturen ja lindern meine Pein.

Bis dahin aber soll her ein neues Spiegelein.

Susanna Schoch