Speicher
Wenn aus einer Fantasie Wirklichkeit wird: So kreativ reagiert die Gemeinde Speicher auf den abgesagten Neujahrsapéro

Absagen reihen sich wieder an Absagen. Dass auch ein kreativer Umgang mit abgesagten Veranstaltungen möglich ist, bewies Anfang Jahr die Gemeinde Speicher auf sympathische, originelle Art und Weise. Als kleines Trostpflaster für den abgesagten Neujahrsapéro bekam jeder Haushalt per Post eine illustrierte Geschichte und einen Gutschein für ein kleines Präsent.

Mark Riklin
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Treffpunkt Ulme: Speicherer geniessen den Blick auf ihr Dorf.

Treffpunkt Ulme: Speicherer geniessen den Blick auf ihr Dorf.

Bild: Lars Böni

«Am Samstag, 8. Januar, wird bei der grossen Ulme neben dem Schönenbühl in Speicher etwas Aussergewöhnliches geschehen. Jede Person, die teilnimmt, wird fürstlich belohnt werden und den unermesslichen Reichtum nach Hause nehmen. Mehr wird nicht verraten.»

So die geheimnisvolle Ankündigung in der Geschichte, die zwischen den Jahren im A2-Format in alle Haushalte der Speichener Bevölkerung flattert. Eine Ankündigung ohne Uhrzeit, die Fragen aufwirft und einen grossen Interpretationsspielraum öffnet.

Ist die illustrierte Geschichte (Idee und Text: Ralf Bruggmann, Illustration: Lea Frei) reine Fiktion oder doch als ernst gemeinter Ersatz für den abgesagten Neujahrsapéro zu verstehen?

Fiktion oder …

Mit Spannung sehe ich dem 8. Januar entgegen. Von meinem Schreibtisch aus habe ich direkte Sicht auf die grosse Ulme – ein idealer Beobachtungsposten. Kaum aus dem Bett gestiegen, nehme ich am Tag X ein erstes Mal den Feldstecher zur Hand und spähe in Richtung grosser Ulme. Gerade fallen die ersten Sonnenstrahlen auf das selten gewordene Prachtexemplar. Noch ist niemand zu sehen. Und das bleibt auch in den folgenden Stunden so. Bis auf einzelne Spaziergängerinnen und Hundeausführer bleibt es ruhig. Also doch «nur» eine Geschichte?

Wirklichkeit?

Eine kleine Enttäuschung macht sich breit, bis wir uns entscheiden, die Geschichte wörtlich zu nehmen. «Kommst du auch?», fragt meine Frau eine Nachbarin. «Ich dachte, das sei nur eine Geschichte», sagt diese und freut sich über den Anstoss. «Je nachdem, wie man sie versteht», entgegnet meine Frau mit einem Schmunzeln.

Mit ein paar Freunden aus der Nachbarschaft machen wir uns am späteren Nachmittag auf Richtung Ulme. Unbekannte Gesichter stossen zum improvisierten Apéro dazu und freuen sich darüber, dass sich ihre heimlichen Erwartungen doch noch erfüllen, die Fantasie in die Wirklichkeit aufsteigt. Gemeinsam geniessen wir die einmalige Stimmung und Aussicht auf unser Dorf, die fiktive Ankündigung hatte nicht zu viel versprochen.

Alternativsinn schärfen

Zurück am Küchentisch freuen wir uns über die aussergewöhnliche Idee und Haltung der Initianten. Das halbvolle Glas zu sehen, statt das halbleere zu verschütten. Neue Wege zu gehen, statt nur abzusagen und damit unseren Alternativsinn zu schärfen. Die Fantasie der Lesenden anzuregen, diesen aber zu überlassen, was sie daraus machen. Eine sympathische Anstiftung zum Zukunftsoptimismus und ein gutes Omen für das neue Jahr.

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