Speicher verliert seine Galerie

SPEICHER. Während vier Jahrzehnten betrieb Gertraud Kaeser mit ihrem Mann in ihrem Wohnhaus eine Kunstgalerie. Schnell machte sich das Ehepaar einen Namen und brachte Generationen von Ostschweizer Künstlern nach Speicher.

Michael Genova
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Galeristin Gertraud Kaeser mit einem Werk ihres verstorbenen Ehemannes Jules – ihm ist die letzte Ausstellung gewidmet. (Bild: mge)

Galeristin Gertraud Kaeser mit einem Werk ihres verstorbenen Ehemannes Jules – ihm ist die letzte Ausstellung gewidmet. (Bild: mge)

Als Gertraud und Jules Kaeser im Mai 1978 im Erdgeschoss ihres Hauses an der Reutenenstrasse eine Galerie eröffneten, nannten sie den neuen Kunstraum schlicht «Galerie Speicher». Damals konnten sie nicht ahnen, wie treffend der Name war. Die Galerie wurde zu einer Institution und ist heute tief im kulturellen Leben der Gemeinde verankert. Doch nun ist Schluss: Am kommenden Wochenende schliesst die Galerie Speicher nach 38 Jahren ihre Türen. «Ich habe es einfach gerne gemacht», sagt Gertraud Kaeser rückblickend.

Vor eineinhalb Jahren starb Kaesers Ehemann Jules, der ein bekannter Grafiker und Künstler war. Auf die Idee, eine Galerie zu eröffnen, kam das Ehepaar, als es nach einer Nutzung für den Parterreraum ihres Appenzellerhauses suchte. In früheren Zeiten befanden sich dort eine Stickerei und eine Schlosserei. Gertraud Kaeser erinnert sich noch gut an die erste Ausstellung. Den Anfang macht der damals bereits bekannte St. Galler Bildhauer Fredi Thalmann mit einer Reihe von Plastiken. Die Leute im Dorf seien erst skeptisch gewesen, sagt die Galeristin. «Doch wir hatten nie Bedenken, dass es laufen würde.»

Sie hielt alles zusammen

Die Galerie profitierte vom breiten Beziehungsnetz Jules Kaesers – der gebürtige St. Galler war Vizepräsident der Gesellschaft schweizerischer Maler, Bildhauer und Architekten. Gertraud Kaeser wirkte zwar immer im Hintergrund, doch für das Management der Galerie und die Organisation der Ausstellungen war alleine sie verantwortlich. «Ich konnte selbst entscheiden, ob ich einen Künstler akzeptierte.» Über die Jahre organisierte sie über 150 Ausstellungen und betreute gut 80 Künstlerinnen und Künstler.

Das bevorstehende Ende nimmt Gertraud Kaeser gelassen hin: «Ich muss mich auch mal pensionieren lassen», sagt sie mit einem Lachen. Gleichzeitig lässt sie durchblicken, dass Bekannte und Stammgäste beinahe etwas erstaunt waren, dass sie nach so langer Zeit einfach loslassen könne. Gertraud Kaeser spricht vom Idealismus und von der Geduld, die es brauche, um als Galeristin über die Jahre hinweg erfolgreich zu sein. Und sie verrät ein Geheimnis: Die Künstler seien jeweils verpflichtet worden, sonntags in der Galerie persönlich anwesend zu sein. «Das hat viel ausgemacht.»

Ein Leben als Galeristin

Am Donnerstagabend wird Gertraud Kaeser in einem Gespräch mit Gigée Rekade auf die vergangenen Jahre zurückblicken. Dabei soll Verborgenes beleuchtet werden, schreibt die Sonnengesellschaft Speicher in ihrer Einladung. Das Gespräch wird als Video aufgezeichnet und später auf der Plattform wikispeicher.ch zugänglich gemacht.

Noch bis Sonntag läuft die letzte Ausstellung, die dem Lebenswerk von Jules Kaeser gewidmet ist. Vertreten sind Arbeiten aus der Zeit von 1947 bis 2013: Aquarelle, Grafiken und Collagen. In einer frühen Bleistiftzeichnung ist das Talent des Siebenjährigen bereits erkennbar. Letzte Collagearbeiten aus Kaesers Zeit im Haus Vorderdorf in Trogen zeugen von seinem unermüdlichen Schaffensdrang.

Gespräch mit Gertraud Kaeser: heute, um 19 Uhr, in der Galerie Speicher; Finissage: Sonntag, 21.6., 14–18 Uhr.