Speerspitz

Knigge bei reservierten Plätzen Einige Privilegien geniesse ich als Journalistin. Beispielsweise ist für mich als Berichterstatterin häufig ein Platz im Saal reserviert.

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Knigge bei reservierten Plätzen

Einige Privilegien geniesse ich als Journalistin. Beispielsweise ist für mich als Berichterstatterin häufig ein Platz im Saal reserviert. Bei Unterhaltungsabenden sitze ich meistens in der ersten Reihe, an Bürgerversammlungen zuhinterst im Saal oder auf der Empore in der Kirche. Den Vorzug eines solchen Presseplatzes habe ich vor kurzem schätzen gelernt. Mehr als eine Stunde vor Beginn der Vorstellung – also ungewohnt früh für mich – habe ich den Saal betreten. Zum Glück noch fast leer, denke ich im ersten Augenblick. Im zweiten merke ich aber, dass die Mehrheit der noch leeren Stühle nach vorne gekippt sind. Schon besetzt, sollen sie mir signalisieren.

Irgendwo am Rand eines Tisches habe ich noch einen freien Platz gefunden. Beim Warten auf die Show überlege ich mir, wer wohl meine Tischnachbarn sein werden. «Der Thuri kommt eben noch mit seiner Frau», informiert meine weit entfernte Tischnachbarin ihr Gegenüber. Thuri heisst er also. Und sie? Ich höre nicht mehr weiter zu und denke an etwas anderes. Dann gerät meine Tischnachbarschaft in Aufregung. Eine Dame schaut herum, winkt, entfernt sich vom Tisch. Zwei Minuten später ist alles klar: Thuri und seine Begleitung sitzen an einem anderen Tisch. «Wollen Sie nachrücken?», fragt mich meine Tischnachbarin. «Nein, ich bin wohl da«, antworte ich. Also rückt sie die Stühle wieder gerade und gibt sie so frei.

Die Frage, wer jetzt meine Tischnachbarn werden, klärt sich bald. Die kleine Gruppe, die auf diese Plätze steuert, hat folgendes Problem: Soll sich die junge Frau zu der anderen setzen? Oder doch lieber gegenüber, neben ihren attraktiven Begleiter? Sie setzt sich, aber nein, von dort ist die Sicht verdeckt, also doch lieber auf der anderen Seite des Tischs… Platzwechsel hier und da, dabei kommt es doch eh nicht darauf an, oder? Hei nochmal, fährt mir ein Gedanke durch den Kopf. Macht es doch nach Knigge, setzt euch schön abwechselnd Männlein neben Weiblein. Oder geht gleich an eine Stehparty. Da könnt ihr alle miteinander sprechen, wenn ihr wollt. Und auf die Tischordnung kommt es auch nicht an. Sabine Schmid

s.schmid@toggenburgmedien.ch