Speerspitz

Die Freiheit hat keine Grenzen… Es zischt, heult und knallt. Immer wieder leuchtet der Nachthimmel in verschiedensten Farben auf.

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Die Freiheit hat keine Grenzen…

Es zischt, heult und knallt. Immer wieder leuchtet der Nachthimmel in verschiedensten Farben auf. Feuerwerk zaubert mir bei passender Gelegenheit – am Nationalfeiertag oder auch an Silvester – durchaus ein Lächeln aufs Gesicht oder entlockt mir am Seenachtsfest ein «Ahh». Aber in dieser Nacht nicht. Diesmal ist es weder ein Lächeln noch ein «Ahh», es ist ein wütendes Zähneknirschen. Ich liege im Bett, gerade richtig hinein gekuschelt, fast schon eingeschlafen und dann geht's los: Ein Böller nach dem anderen zerfetzt die Stille und unter den Raketenkrach mischt sich das Angstgeheul meines Hundes John. Der Wecker zeigt kurz vor Mitternacht an und es ist nicht 1. August, sondern 31. Juli. Da scheint jemand den Geburtstag der Schweiz kaum erwarten zu können. Im Halbschlaf denke ich erst noch versöhnlich, dass der Spuk nach zwei, drei Schuss wieder vorbei sein wird. Wer wird wegen ein bisschen Vorfreude oder jugendlichem Schabernack gleich in die Luft gehen? Toleranz heisst das Zauberwort, das mich normalerweise ruhig bleiben lässt. Nach 45 Minuten unfreiwilliger Teilnahme am Feuerwerk in meiner Nachbarschaft sieht das Ganze anders aus: Ich sitze in der Küche – an Schlaf ist nicht zu denken – John sitzt zitternd auf meinen Füssen und meiner Toleranz ist Wut gewichen. Mittlerweile ist Mitternacht vorüber, es ist 1. August und mir kommen markige Worte in den Sinn, gemacht wie für eine Bundesfeierrede: Ein gesundes Mass an Toleranz ist eine der Grundlagen für ein friedliches Miteinander, gerade in einem kleinen Land wie der Schweiz. Diese Toleranz ermöglicht dem Einzelnen die kostbare Freiheit, so zu denken und zu leben, wie er es für richtig hält. Auch wenn manche das glauben, keiner von uns ist wie eine einsame Insel im Ozean, und so gehört zum freien und trotzdem friedlichen Miteinander nicht nur Toleranz, sondern auch Respekt vor den Grenzen der Mitmenschen. Wie stand schon 1798 in der Verfassung der Helvetischen Republik: Die Freiheit eines Menschen hat keine Grenzen, ausser jenen der Freiheit des anderen. Meine Grenze ist definitiv überschritten, wenn ich nicht mehr schlafen kann.

Conny Oberholzer

cornelia.oberholzer@toggenburgmedien.ch

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