Speerspitz

Da lob ich mir das rote Büchlein «Würden Sie es befürworten, wenn für Ausländer/innen, die seit mindestens zehn Jahren in der Schweiz leben, gesamtschweizerisch das Stimm- und Wahlrecht auf Gemeindeebene eingeführt würde?» Dank smartvote.

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Da lob ich mir das rote Büchlein

«Würden Sie es befürworten, wenn für Ausländer/innen, die seit mindestens zehn Jahren in der Schweiz leben, gesamtschweizerisch das Stimm- und Wahlrecht auf Gemeindeebene eingeführt würde?» Dank smartvote.ch sehe ich mich plötzlich mit Grundsatzfragen konfrontiert. Ist es denn die Dauer, die ich in diesem Land verbracht habe, die ausmacht, wie viel ich vom Geschehen auf kommunaler Ebene verstehe? Da wohne ich nämlich gerade vier Monate in Nesslau-Krummenau und kann schon über meinen künftigen Gemeindepräsidenten entscheiden – im Gegensatz zu Leuten, die bereits über zehn Jahre hier leben. Diese müssen sich erst anhand eines Fragebogens als schweiztauglich beweisen. «Was wurde 1815 wo für die Schweiz geregelt?» Äh, was war da noch? Ich komme schon bei Frage 5 ins Schwitzen... Dürfte ich stimmberechtigt sein? Würde ich eingebürgert? Zugegeben, ich sehe meine Chancen da eher gering. Zwar lebe ich seit Geburt in der Schweiz, bin aber in keinem Dorfverein, nirgends in einem Vorstand oder einem OK, weder Aktionärin noch Genossenschafterin irgendeiner lokalen Sache. Sozial wohl alles andere als integriert. Denn: Im Fitness alleine vor mich hin schwitzen, mit Stöpseln in den Ohren, kann man kaum als besonders gesellig bezeichnen. Und auch der Tanzunterricht, den ich besuche, ist weder Gruppen- noch Paartanz. Ganz davon zu schweigen, dass der Unterricht nicht im Toggenburg stattfindet. Ja, und auch neue Menschen kennenlernen tu ich nicht sonderlich oft (im Privatleben, versteht sich). Nein, ich würde wohl nicht eingebürgert, geschweige denn stimmberechtigt. Aber zum Glück brauche ich mich nicht zu sorgen, denn ich habe ja dieses rote Büchlein, welches ich durch blosses das Licht der Schweiz erblicken erlangt habe. Und dank dessen ich alle paar Monate ein Ja oder Nein oder ein Kreuzchen auf ein Zettelchen schreiben darf. Sofern ich diesen Zettel in der Absicht, ihn ausgefüllt einwerfen zu wollen, nicht zwischen Beifahrersitz und Autotür liegen lasse und erst zwei Monate nach erfolgter Wahl meines neuen Gemeindepräsidenten wiederfinde. Oops.

Olivia Hug

olivia.hug@toggenburgmedien.ch

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