Speerspitz

Mein Haustier für den Hosensack Vor wenigen Wochen hatte es seinen 15. Geburtstag – und kein Mensch hat ihn gefeiert. Das Tamagotchi.

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Mein Haustier für den Hosensack

Vor wenigen Wochen hatte es seinen 15. Geburtstag – und kein Mensch hat ihn gefeiert. Das Tamagotchi. Irgendwie fand es den Weg von Japan hierher, wurde schnell und bedingungslos von jedem geliebt – und war ebenso schnell wieder Geschichte. Auch ich hatte das nervige Ei längst vergessen, hätte es mich nicht aus einer Zeitschrift heraus angeguckt. Jesses, so etwas hatte ich doch auch einmal besessen. Auch ich trug es, wie die Jugendlichen heute ihr Mobiltelefon, ständig in der Hosentasche mit mir und fingerte während des Schulunterrichts unter dem Pult daran herum. Meines war jedoch nicht das klassische Alien (oder war es ein virtuelles Küken?). Ich hatte einen Dino. Den hab ich gefüttert, gestreichelt und ihm beim Schlafen zugesehen, wann immer ich konnte. Doch manchmal konnte ich das nicht – und schon war der Dino tot. Kein Wunder, sind die Viecher ausgestorben, wenn sie nur einen Tag ohne Futter nicht aushielten! Mein Dino hatte nie das Erwachsenenalter erreicht. Er neigte zum Sterben. Versehentlich hatte ich auch mal die «Katze» meines Bruders umgebracht. Dabei wollte ich ihr nur ein Bettmümpfeli geben. Was hatte der Bub geheult, als er den Grabstein auf dem Display erblickte. Daraufhin haben meine Eltern ihm ein richtiges Tamagotchi geschenkt. Eines, das nicht von jeder Streicheleinheit sein Leben abhängig machte, sondern der Vernachlässigung dadurch trotzte, dass es hässlich wurde. So war das Ding meistens zwar ein ekliges schwarzes Etwas, dafür war es am Leben.

Die Tamagotchi-Zeit ist vorbei, jetzt habe ich eine echte Katze. Eine, die ich mal getrost alleine lassen kann, ohne dass sie gleich verhungert oder sich überfrisst. Natürlich muss ich ab und an Mäusenieren und -pfoten vom Küchenboden auflesen und habe mir schon so manchen Kratzer eingefangen, wenn Seppli nicht grad nach Streicheleinheiten war. Ganz zu schweigen von dem vielen Geld, das ich in Katzenleiter und Katzenklappe investiert habe. Dafür schmust es sich mit einem warmen, schnurrenden Wollknäuel einfach besser als mit einem piepsenden Computer.

Olivia Hug

olivia.hug@toggenburgmedien.ch