Speerspitz

Gefährlich routiniert Das Programm der diesjährigen Jazztage Lichtensteig war vielversprechend und viele Künstler vermochten mich denn auch mit ihren Auftritten zu überzeugen.

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Gefährlich routiniert

Das Programm der diesjährigen Jazztage Lichtensteig war vielversprechend und viele Künstler vermochten mich denn auch mit ihren Auftritten zu überzeugen. Zwar kannte ich die meisten Bands nicht einmal dem Namen nach, doch waren sie auf den verschiedenen kleinen Bühnen immer mit Freude dabei. Auch die so genannten Headliner auf der Hauptbühne versprachen ein tolles Musikerlebnis. So trat am Freitagabend Nicole Bernegger, Gewinnerin der Castingshow «The Voice of Switzerland», auf. Meine Meinung zu solchen Formaten und den oftmals talentlosen Möchtegern-Stars und -Sternchen, welche sie hervorbringen, ist nicht wirklich hoch. Doch brachte entgegen meinen Erwartungen Nicole Bernegger nicht nur durch ihre gute Bluesstimme, sondern auch durch ihre Bühnenpräsenz gute Stimmung ins Publikum. Diesbezüglich vermochte auch Marc Sway zu überzeugen, der seinem Publikum eine tolle, engagierte Show lieferte und bei dem keine Langeweile oder gar Unlust zu spüren war. Das pure Gegenteil war für mich der grosse Umberto Tozzi. Dieser spulte nach 40 Jahren auf der Bühne sein Programm zwar perfekt und fehlerlos, aber lustlos und monoton ab. Sogar seine jüngeren Musiker machten auf mich einen gelangweilten Eindruck. Zwar machte das Publikum bei seinen alten Hits aus den 70er-Jahren wie «Gloria», «Gente di mare» oder «Ti amo» mit, Letzteres kannte man aber wohl eher als deutsche Adaption der Schnulzenbarde Howard Carpendale als von Umberto Tozzi selbst. Diese verhalten gute Stimmung ging aber mehr vom Publikum, denn vom italienischen Songwriter oder seinen Musikern aus. Zeitweise war ich gar versucht auf die Bühne zu gehen und dem Bassisten, der absolut passiv seinen Part herunterleierte, in den Hintern zu treten. Man sah ihm direkt an, wie er mental etwa seinen Einkaufszettel durchging oder die Lottozahlen noch einmal Revue passieren liess – in Lichtensteig aber war er nur physisch angekommen. Das zeigt für mich einmal mehr, dass Routine – nicht nur für Künstler auf der Bühne – gefährlich sein kann. Mir auf jeden Fall sind spontane, dadurch vielleicht mit kleinen Fehlern gespickte Aktionen sympathischer. Ist ja irgendwie auch menschlicher, oder?

Urs M. Hemm

urs.hemm@toggenburgmedien.ch