Späte Korrektur

Brosmete

Martin Hüsler
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Nichts sei älter als eine Zeitung von gestern, heisst es. Wer also journalistisch tätig ist, muss es verkraften können, dass Geschriebenes, das manchmal unter grossen Mühen entstanden ist, in kürzester Zeit zerstiebt wie Sand im Wüstenwind. Doch es gibt Abweichungen vom Üblichen. Davon handelt das folgende Geschichtchen. Vor der Hauptversammlung des Bibliotheksvereins Speicher-Trogen sprach mich eine mir bis anhin nicht bekannte Frau in freundlicher Weise an und teilte mir mit, sie habe eine meiner Brosmeten aufbewahrt. Logischerweise empfand ich darob Freude und interessierte mich für deren Inhalt. Es stellte sich heraus, dass ich darin eine Begebenheit, die sich im St. Galler Wildpark Peter und Paul abspielte, zum Thema gemacht hatte. Konkret war es darum gegangen, dass eine Mutter mit ihrem kleinen Buben just zu jenem Zeitpunkt beim Wildschweingehege anlangte, als ein Keiler mit einer Bache einen zweifelsfrei artvermehrenden Akt vollzog. Mich hatte damals interessiert, wie wohl die Mutter ihrem Buben das sich vor ihren Augen abspielende Geschehen erläutern würde. Nun, sie tat es auf altersgerechte, aber doch einigermassen beschönigende Weise, indem sie den Kopulationsvorgang mit dem Begriff «omelöle» umschrieb. Grundsätzlich bestätigte die Frau diesen Sachverhalt, wollte aber richtiggestellt haben, dass sie nicht die Mutter des Buben gewesen sei. Da ich meine sämtlichen Brosmeten auf der Festplatte abgespeichert habe, war es mir ein Leichtes, das Entstehungsjahr des besagten Textes herauszufinden. Geschrieben wurde er 2001. Falls also noch jemand diese Brosmete aufbewahrt hat, müsste im Sinne einer späten Korrektur das Wort «Mutter» durch «Frau» ersetzt werden.

Martin Hüsler

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