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SOZIALHILFE: «Es ist falsche Scham»

Die Sozialen Fachstellen Toggenburg hilft Menschen in schwierigen Lebenslagen. Ihr Präsident, Christian Spoerlé, spricht sich gegen Vorurteile gegenüber Sozialhilfebezügern aus.
Urs M. Hemm
Christian Spoerlé, Präsident der Sozialen Fachstellen Toggenburg, sieht bei steigenden Sozialhilfebezüger-Quoten die ganze Gesellschaft in der Verantwortung. (Bild: Urs M. Hemm)

Christian Spoerlé, Präsident der Sozialen Fachstellen Toggenburg, sieht bei steigenden Sozialhilfebezüger-Quoten die ganze Gesellschaft in der Verantwortung. (Bild: Urs M. Hemm)

Wer in sozialen Fragen Hilfe sucht, wendet sich am besten an die Sozialen Fachstellen Toggenburg. Deren Präsident, Christian Spoerlé, erläutert die Aufgaben der Fachstellen und berichtet aus der Praxis, was Menschen in die Sozialhilfe treiben kann.

Welches sind die grundsätzlichen Aufgaben der Sozialen Fachstellen Toggenburg?
Die Sozialen Fachstellen sind ein Gefäss, welches die Gemeinden gebildet haben, um eine umfassende Beratung für Hilfesuchende anzubieten. Es geht dabei um Familienberatung, um Sozialberatung, wie beispielsweise bei finanziellen Problemen. Dazu kommt die durch das Gesetz vorgeschriebene Aufgabe, eine Suchtberatung anzubieten. Eine solche Beratung ist nur in einer Verbundlösung mit mehreren Gemeinden möglich. Denn einerseits ist sie eine finanzielle Belastung, die alleine kaum zu tragen ist. Andererseits ist es schwierig, fachlich kompetentes Personal zu finden.

Was sind die häufigsten Gründe, warum eine Person Sozialhilfe beziehen muss?
Häufig ist es leider so, dass die Menschen erst zu uns kommen, wenn es fast zu spät ist, die Situation bereits sehr verfahren ist. In den meisten Fällen sind es finanzielle Probleme, Sucht- oder partnerschaftliche Probleme. Scheidung ist ein häufiger Grund, insbesondere dann, wenn der Partner nicht zahlt. In solchen Fällen bezahlt jedoch in der Regel die Gemeinde. Die Sozialämter helfen in allen Fällen, doch haben die Menschen noch immer ein Schamgefühl, sich dort zu melden. Vielfach wird so lange gewartet, bis es schon fast zu spät ist. Wir stellen aber auch fest, dass schwierige Situationen vor allem im Alter auftreten. Da arbeiten die Sozialen Fachstellen Toggenburg mit Partnerorganisationen, wie beispielsweise der Pro Senectute zusammen, an welche wir unsere Kunden im Pensionsalter verweisen, um professionell Hilfe etwa in finanziellen Fragen zu bekommen. Im Toggenburg, respektive im Kanton, konnten wir so ein hervorragendes Beziehungsnetz mit verschiedenen sozialen Organisationen aufbauen.

Sind es eher Frauen oder Männer, welche in die Sozialhilfe abdriften?
Statistisch gesehen sind es vorwiegend Frauen, die Hilfe suchen. Dies hat aber damit zu tun, dass sich Männer eher schwerertun, Hilfe zu suchen und Hilfe anzunehmen. Männer können weniger über ihre Probleme reden. Dies sieht man auch in der Eheberatung. Es braucht sehr viel, dass Männer daran teilnehmen und sich öffnen. Eigentlich ist es eine falsche Scham. Die Gesellschaft urteilt jedoch sehr schnell und stempelt jemanden, ohne zu überlegen und zu hinterfragen als Versager ab.

Sozialhilfebezüger werden von der Öffentlichkeit oft als faul oder Sozialhilfe-Schmarotzer angesehen. Können Sie eine solche Haltung nachvollziehen?
Unsere Gesellschaft ist manchmal brutal. Sie urteilt sehr schnell über Menschen, die nicht so erfolgreich sind oder nicht dem Durchschnitt entsprechen. Man sagt ja auch über Kinder, dass sie oft brutal und direkt sind. Diese sind aber einfach ehrlich und fällen keine Vorurteile, wie Erwachsene. Zudem ist ihnen im Gegensatz zu Erwachsenen nicht bewusst, welche seelischen Verletzungen eine Vorverurteilung auslösen kann. Es ist schlicht ein Fehler, in Mustern zu denken. Wir sind nicht alle gleich, und indem wir in solchen Mustern denken, verschliessen wir viele Türen, die uns die Vielfalt der Menschen öffnen würden. Für unsere Gesellschaft ist das ein riesiger Verlust.

Welche konkreten Hilfsangebote bieten die Sozialen Fachstellen Toggenburg an?
Wir funktionieren vielfach auch als Schaltstelle. Wir hören uns die Probleme der Menschen an, beraten und verweisen sie, wenn erforderlich, an Fachstellen weiter. Dort hat es spezialisiertes Fachpersonal. Wir beraten und versuchen Lösungsansätze aufzuzeigen. Die Initiative jedoch muss von der betroffenen Person selbst kommen.

Wie lange bleiben Menschen durchschnittlich von der Sozialhilfe abhängig?
Wir im Toggenburg haben nie eine derartige Erhebung gemacht. Es ist aber durchaus möglich, dass auf Bundesebene solche Zahlen erhoben wurden. Grundsätzlich ist es auch nicht wichtig, denn wir wollen alle Klienten so bald als möglich wieder in einer für sie guten Situation sehen. Ohnehin sind diese Zahlen mit Vorsicht zu geniessen. Denn ich bin überzeugt, dass es viel mehr Menschen gäbe, welche Anrecht auf Sozialhilfe hätten, sich aber aus Scham und falschem Stolz nicht bei einem zuständigen Amt melden, um Hilfe zu bekommen.

Wie hat sich die Quote der Sozialhilfebezüger in den vergangenen Jahren im Toggenburg entwickelt?
Es ist schwierig, diese Zahlen zu interpretieren. Es ist eine allgemeine Tatsache, dass wir eine Zuwanderung haben. Gemessen an der steigenden Bevölkerung sind wir demnach mehr oder weniger stabil geblieben.

Wo sehen Sie die Gründe für diese Entwicklung?
Die Gesamtkosten im Bereich Sozialhilfe steigen, das ist so. Aber dies ist − wie gesagt − auch auf den Anstieg der Bevölkerung zurückzuführen.

Wie sollen sich Sozialhilfebezüger verhalten, um nicht einem Stigma ausgesetzt zu sein?

Grundsätzlich muss sich die Gesellschaft in der Verantwortung sehen. Es kann nicht sein, dass ein Betrieb aus wirtschaftlichen Gründen Hunderte von Leuten auf die Strasse stellt und die Gesellschaft dann überrascht ist, dass eine solche Massnahme Menschen ins Elend stürzt. Da macht es sich die Wirtschaft manchmal einfach und alle schauen weg. Es sind unsere Gesellschaft und die allgemeine Entwicklung, die verursachen, dass es in unserem Land immer mehr Menschen schlechter geht. Es muss aber auch gesagt werden, dass es Menschen gibt, die unser Sozialsystem ausnutzen. Diese Personen haben einen grossen Anteil am schlechten Image der Sozialhilfebezüger, die meist unverschuldet in diese Situation gekommen sind.

Was können Sozialhilfebezüger selbst tun, um aus dieser Abhängigkeit wieder rauszukommen?
Grundvoraussetzung ist eine richtige und ehrliche Finanzplanung. Wichtig sind zudem die Bereitschaft und der Wille, wieder in die Arbeitswelt einzusteigen. Der Bezug von Sozialhilfe bedeutet Entbehrung, aber es gibt Hilfe. Die eigene Initiative ist aber noch immer das Wichtigste.

Serie Sozialhilfe (2. Teil)

Immer mehr Menschen, auch im Toggenburg, driften in die Sozialhilfe ab. Oftmals sind es Alleinerziehende, die unverschuldet in diese prekäre Situation geraten, andere gleiten beispielsweise wegen Arbeitslosigkeit, Drogen- oder Alkoholproblemen ab. Das «Toggenburger Tagblatt» spricht mit Betroffenen, Institutionen, die helfen, und den Gemeinden, welche die finanzielle Last zu tragen haben. (red)

Hier finden Sie Teil 1 der Serie.

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