«Sie werden nach Europa kommen, das ist Fakt»: Teufner erzählt vor seinem bevorstehenden SRF-Fernsehauftritt von seiner Arbeit als Flüchtlingshelfer

Der 71-jährige Ueli Schleuniger erzählt am Freitag im Fernsehen in der SRF-DOK-Serie «Geboren am…» seine Lebensgeschichte. Der Teufner war 40 Jahre lang Unternehmensberater. Seit seiner Pensionierung widmet er sich dem Elend von Flüchtlingen und Benachteiligten.

Margrith Widmer
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Ueli Schleuniger widmet sich seit seiner Pensionierung dem Elend von Flüchtlingen und Benachteiligten.

Ueli Schleuniger widmet sich seit seiner Pensionierung dem Elend von Flüchtlingen und Benachteiligten.

Bild: Mareycke Frehner

Als «starken Mann mit einer gutartigen Missbildung, einem riesengrossen Herzen», so bezeichnet der Teufner Kirchgemeindepräsident Alfons Angehrn den Teufner Ueli Schleuniger (71), dessen Geschichte übermorgen Freitag in der SRF-DOK-Serie «Geboren am…» erzählt wird.

Ueli Schleuniger zog als Dreijähriger mit seinen Eltern und zwei älteren Schwestern in die kanadische Provinz Québec ausserhalb Montreals. 1961, als er zwölf Jahre alt war, kehrte die Familie in die Schweiz zurück – weil sich der Vater beruflich verändern wollte und wegen des anglofrankofonen Konflikts in Québec.

Studium in Zürich und in St.Gallen

Die Familie sprach zu Hause Schweizer Dialekt, in der Schule und auf der Strasse Englisch: Ueli erlebte im frankofonen Québec früh, was es bedeutet, «anders» und ausgeschlossen zu sein. Und in der Schweiz erfolgte der nächste Schock: Er sprach kein Hochdeutsch – anderseits war es in den 1970er-Jahren «lässig», fliessend Englisch zu sprechen.

An der Universität Zürich studierte Ueli Schleuniger Mathematik und Physik, später an der HSG Wirtschaftswissenschaften. Schleuniger war 40 Jahre lang Unternehmensberater. Führungserfahrung sammelte er sich während 1500 Tagen als Hauptmann in der Schweizer Armee, er sagt:

«Ich habe gern Leute geführt.»

In die HSG kehrte er später als Dozent zurück und gab Seminare in quantitativer Entscheidungsmethodik – mit grossem Erfolg und jeder Menge Studierender auf Fensterbänken und Heizungen in der damals zu klein gewordenen HSG. Das gefiel nicht allen Kollegen: «Er hat ja nicht mal doktoriert», hiess es. Später gab er an der Höheren Wirtschafts- und Verwaltungsschule St.Gallen einige Jahre lang Vorlesungen im Programmieren. «Das hat Spass gemacht», erinnert sich Schleuniger. Ausserdem war er mehrere Jahre Mitglied der Finanzkommission in Teufen.

Als Flüchtlingshelfer in Griechenland

Als er nach seiner Pensionierung das Flüchtlingselend sah, beschloss Schleuniger, etwas dagegen zu unternehmen. Zuerst fuhr er mit einem befreundeten Arzt mit Medikamenten, Kleidern und Schuhen in einem Kleinbus an die slowenisch-österreichische Grenze an die Balkanroute und half bei der Verteilung von Hilfsgütern. Später flog er nach Lesbos, um Bootsflüchtlingen zu helfen und die mit Schwimmwesten und Gummibooten verschmutzten Ufer zu reinigen.

Schleuniger spricht von «Knochenharter Arbeit». Und dies nicht zu Unrecht. Von Lesbos nahm er ein «Souvenir» mit: einen gebrochenen Rückenwirbel. Als er ein Kind aus einem Schlauchboot ans Ufer trug, stürzte Schleuniger – und verbrachte Weihnachten und Neujahr in der Klinik Stephanshorn. Ab und zu spüre er den kaputten Wirbel noch, sagt er – aber er müsse keine Schmerzmittel mehr schlucken.

Auf Lesbos standen meistens Nachtschichten von 22 Uhr bis 5 Uhr am Strand auf dem Programm. Die Menschen, die dort ankommen, landen alle im Flüchtlingslager Moria. Schleuniger sagt:

«Mittelfristig werden aus Afrika 100 Millionen Menschen nach Europa kommen – sie sammeln sich südlich der Sahara. Sie werden kommen. Das ist Fakt.»

Er fügt an, dass die Bedrohung des Abendlands Migration, Klima/Umwelt und Cyberwar seien – Panzerschlachten werde es laut Schleuniger aber nicht mehr geben.

Leben in Flüchtlingscamps in Kurdistan wurde runtergefahren

Parallel zu den Einsätzen in Lesbos folgten solche für Hilfskonvois in Kurdistan. Als operativer Projektleiter der katholischen Pfarrei Teufen-Bühler-Stein hat er im Rahmen des Projekts «Hilfe für Kurdistan» Lastwagen mit Kleidern, Rollstühlen, Binden und Windeln nach Kurdistan importiert. Zudem wurden Schulen renoviert, Shelter (Unterkünfte) gebaut, Pflegeheime renoviert und Schreinereien eingerichtet, Ambulatorien mit medizinischen Gütern versorgt, Generatoren für die Stromversorgung installiert, Lebensmittel, Medikamente, Traktoren, Schulbusse und Wassertankfahrzeuge für die Kehrichtabfuhr organisiert. Schleuniger sagt:

«Stefan Staub, der Pfarreileiter der Kirche, hat im Rotbachtal eine riesige Welle der Solidarität und Nächstenliebe ausgelöst.»

Seit Februar dieses Jahres war er nicht mehr dort: «Kurdistan ist im Bann von Corona», sagt er. Das Leben in den Flüchtlingscamps sei total runtergefahren worden, Schulen und Kindergärten seien geschlossen, Besuche unter Camp-Bewohnern verboten und der IS sei wieder aktiv – das alles bei rund 45 Grad Tagestemperaturen. Auch der Irak sei massiv gefährdet – mit 2200 Covid-19-Neuinfektionen und 200 Toten innert 24 Stunden.

Ueli Schleuniger erzählt aber auch von schönen Begegnungen: Als er in einem Laden Weihrauch kaufen wollte, schrieb ein älterer Herr, der Englisch sprach, «Weihrauch» in Arabisch auf einen Zettel – doch der Verkäufer konnte nicht Arabisch. Ueli Schleuniger hatte aber den Zettel und konnte so in einem anderen Laden Weihrauch kaufen.

Spendenkonto «Hilfe für Kurdistan», Raiffeisenbank Appenzell, 9500 Appenzell, IBAN: CH 71 8102 3000 0037 2635 9, Katholische Kirchgemeinde Teufen-Bühler-Stein, Stofelweid 1b, 9053 Teufen