Sie waren gehalten, still zu sein

Er klinge abends anders als am Tag, der Klangweg, versprach Nadja Räss, und sie sollte Recht bekommen. Doch dazu muss man still sein, kein Wort soll die Stille brechen, ansonsten hört der Mensch ja wiederum nur sich, und das tut er ja schon den ganzen Tag lang.

Michael Hug
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Die erste Nachtwanderung auf dem Klangweg war auch eine Erfahrung mit den klingenden Traditionen der Einheimischen. (Bild: Michael Hug)

Die erste Nachtwanderung auf dem Klangweg war auch eine Erfahrung mit den klingenden Traditionen der Einheimischen. (Bild: Michael Hug)

UNTERWASSER. Wenn man still wird beim Wandern, wird man auch ganz klein und leise, viel grösser und klangvoller wird das Drumherum, die Umgebung und das was sich darin abspielt. Die Menschen also, die sich am Samstagabend – der nationalen Nacht des Wanderns – am Schwendisee versammelten, um mit der KlangWelt-Intendantin ein Stück des Klangwegs während des Eindunkelns abzuschreiten, waren also gehalten, still zu sein.

Nicht einfach, still zu sein

Wenigstens auf einem Stück des Wegs. Was nicht so einfach ist, wenn man sich gerade erst getroffen und viel zu erzählen hat. Doch mahnend geht Nadja Räss' rechter Zeigefinger zum geschlossenen Mund, als man gerade etwas ganz Wichtiges sagen wollte. Mindestens bis zum «Betruf» sollte geschwiegen und dafür umso mehr gehorcht werden. War es Zufall oder Choreographie der Nachtwanderung, dass just nach zehn Minuten wortlosen Gehens ein Betruf zu vernehmen war? Ein heiliges Intermezzo im wohltuenden Schellengeläut von Hunderten von Rindern, die im Stofel stetig wiederkäuend ihr Abendgras genossen, liess aufhorchen. Nach dem kurzen Innehalten wieder das Knirschen von Wanderschuhen auf Kies, ein leeres Hüttchen namens «Der lauschige Ort» ein, zwei Juchzer aus dem Holztrichter, dann wieder Stimmen, und was für welche.

Disharmonische Diskussion

Bauern, die sich über die Wanderer aufregen, weil sie den Zaun zu schliessen übersahen, rauhe Stimmen, wütende, eine disharmonische Diskussion über Eigentum und Respekt. Doch es geht hinan, zum Dunkelboden, vorbei am «Klangschalenbaum», wo man kurz innehält und gemeinsam das «Klangwegjödeli» einstudiert. Bei den «Saitenschellen» die nächste Rast, Nadja Räss steht wie die Jungfrau in der Grotte und erklärt das Universum der Klänge anhand des Weihnachtsliedes «Stille Nacht». Nur wenige Meter weiter oben knackt Holz im Feuer, lockt der Duft von Gebratenem, warten Getränke. Es ist Nachtwanderhalbzeit. Niemand achtet jetzt auf die Klänge der Natur, es wird gesprochen und gelacht, nur noch von weitem klingt das Geläut der Sommergäste auf den Weiden.

Neue Geräusche klingen

Doch schon bald zwingt die Dämmerung zum Weitergehen. Neue Geräusche klingen. Die Singdrossel trällert ihr Abendlied. Buchfinken markieren ihr Revier. Das Schnattern junger Elstern. Das «Heulvelo» heult dazwischen. Ein Zaunkönig sagt Gute Nacht. Ein Hase nuschelt mitten unter den Rindern im Gras, erkennt die herannahende Menschenmenge und rennt laut- und klanglos in seinen Bau. Das Geläute der Rinder wird nun dominierend. Nadja Räss kämpft mit «Frére Jacques» auf dem «Schellenbaum» gegen das klingende Rinderorchester an, chancenlos. Die späten Wanderer erkennen die Melodie und freuen sich. Gaslampen werden angemacht.

Feine Miniaturschlorziflädeli

Das letzte Stück des Weges geht man in der Erwartung des Höhepunkts, der «Klangmühle». Dort warten zum Wanderdessert Miniaturschlorziflädeli, doch die müssen erst verdient werden. Denn nun sind die Wandernden aufgefordert, selbst zu klingen, das weiter unten geübte «Klangwegjödeli» zu intonieren, mehrstimmig natürlich und wenigstens einigermassen harmonisch. Fünfundzwanzig Personen stehen im engen Gädeli, jemand dreht die Mühle, monotone Klänge mischen sich mit den polyphonen der Jodelnden - ein würdiger, schöner, besinnlicher Abschluss einer fast zweistündigen Wanderung, die im Hellen begann und im Dunkeln aufhört und noch lange nachklingt in der Erinnerung der Dabeigewesenen. Derweil sind fast alle Geräusche der Natur verstummt und nur noch die Schellen der nimmermüd-gefrässigen Rinder klingen durch die Nacht.