Sie schläft niemals aus

Durch die Frühzustellung liegt unsere Zeitung bereits um 6.30 Uhr im Briefkasten. 107 Verträger sind jeden Morgen ab 5 Uhr im Appenzellerland unterwegs. Brigitte Solenthaler verteilt Zeitungen im Herisauer Dorfzentrum. Eine Reportage von Patrik Kobler.

Patrik Kobler
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tHERISAU. Ungefährlich ist das Unterfangen nicht. Brigitte Solenthaler erzählt von Stürzen und Brüchen. Seit 14 Jahren ist sie als Zeitungsverträgerin im Dorf unterwegs und kennt die Gefahren, die auf ihrer Route lauern: eisige Strassen, schmale Treppen, dunkle Ecken.

Arbeitsbeginn um 5 Uhr

Ihre Tour beginnt sie jeweils um 5 Uhr beim Brunnenhof. Als Erstes holt die Familienfrau den zweirädrigen Transportwagen aus der Garage. Anschliessend sortiert sie auf dem Trottoir die Zeitungen. Der Ablauf ist eingespielt. Die Appenzeller Zeitungen hier, die anderen Zeitungen da in den Wagen. Dann huscht sie los – der Begleiter hat beinahe Mühe, ihr zu folgen. Nach all den Jahren kennt sie die Abkürzungen und schnellsten Laufwege von Briefkasten zu Briefkasten. Vorgabe des Arbeitgebers ist es, dass alle Zeitungen bis um 6.30 Uhr zugestellt sind.

An diesem Morgen bereitet diese Vorgabe Brigitte Solenthaler keine Mühe. Die Wetterbedingungen sind optimal. Weder Regen noch Schnee erschweren den Rundgang. Dafür ist es an manchen Orten zappendüster. Die routinierte Verträgerin weiss aber genau, welchen Briefkasten sie ansteuern muss. Problematischer sei es, wenn sie aushilfsmässig eine andere Tour übernehme.

«Ständig Personalnot»

Dass die Verträger auf anderen Touren aushelfen, ist keine Seltenheit. Denn: «Bei uns herrscht ständige Personalnot», sagt Arthur Bär. Er ist Standortleiter der Firma Presto AG in St. Gallen. Mit seinen Leuten deckt er in der Ostschweiz insgesamt 890 Touren ab. Alleine im Appenzellerland sind werktags 107 Verträger wie Brigitte Solenthaler unterwegs. Am Sonntag sind es 90. Der grösste Teil von ihnen absolviert die Route zu Fuss, manche nehmen aber auch Auto oder Velo.

Eine Tour dauert zwischen 50 und 90 Minuten. Weil die Presto AG keine Nachtarbeitsbewilligung besitzt, darf die Arbeit nicht vor 5 Uhr beginnen. «Wenn die Verträger freiwillig vorher starten wollen, ist dies aber kein Problem», so Bär. Jeweils ab 4.30 Uhr besetzen zwei Mitarbeitende die Telefone.

Fällt irgendwo ein Verträger aus, organisieren sie Ersatz. Bär: «Durchschnittlich haben wir pro Tag 2,2 Ausfälle. Bei 890 Touren ist das nicht viel.»

Keine Angst vor Hunden

Brigitte Solenthaler hat noch nie verschlafen. «Meinem Mann sei Dank», sagt sie. Manchmal teilt sie sich mit ihm die Routen, manchmal muss er auch als Retter zu Hilfe eilen. Einmal sei sie nicht die eisige Steinrieselnstrasse hochgekommen, ein andermal erlitt das Wagenrad einen Defekt. Richtig brenzlige Situationen hat sie noch nie erlebt – auch wenn sie frühmorgens unterwegs ist. Einzig besoffene Spätheimkehrer sind ihr etwas unangenehm. Keine Probleme hat sie mit Hunden. «Ich begegne mehr Katzen», so Solenthaler.

Unproblematisch sind Hunde aber nicht. «Es kann für einen Verträger unangenehm sein, in der Dunkelheit einem Hund zu begegnen», so Arthur Bär. Er bitte deshalb die Leute, die Vierbeiner ins Haus zu nehmen. «Im Gegensatz zum Besitzer weiss ein Verträger in der Regel nicht, wie der Hund reagiert.» Es seien auch schon Leute aus Angst umgekehrt, so der Standortleiter. Er bestätigt, dass seine Mitarbeitenden einem erhöhten Unfallrisiko ausgesetzt sind. Die Verletzungen würden glücklicherweise selten schwer ausfallen.

Das morgendliche Quietschen

Vom Arbeitgeber erhalten die Verträger gelbe Leuchtwesten und Stirnlampen sowie solide Schuhe zum Vorzugspreis. Bär ist trotzdem froh, wenn die Briefkästen möglichst gut zugänglich sind. Am gefährlichsten seien eisige Stellen. Das weiss auch Brigitte Solenthaler aus eigner Erfahrung. Sie weiss aber auch, wo sie besonders aufpassen muss. Praktisch zu jedem Haus auf der Tour könnte sie eine Geschichte erzählen. An einem Ort weist sie auch auf ein quietschendes Gartentor hin, das sie jeden Morgen etwas nerve. Auf ihrer Tour gibt es auch originelle Briefkästen, so muss sie die Zeitung bei einer Garage durch eine Klappe werfen. Erschwerend ist es für sie, wenn der Briefkasten nicht angeschrieben oder lange nicht geleert worden ist.

Dass das Unterwegssein in den frühen Morgenstunden auch Vorteile bringt, zeigt sich mit fortschreitender Dauer der Tour. Allmählich setzt die Morgendämmerung ein und es bietet sich einem von der Steinegg her ein schöner Blick auf die Gegend. Ein weiterer Vorteil: Man bleibt fit – ganz ohne Sport.