SELBSTVERSUCH - LETZTE FOLGE: Ist es nicht mehr verboten, fehlt der Reiz

Die beiden Redaktoren haben ihr Fasten ohne Schummeln überstanden. Nun ziehen sie ihr Fazit und siehe da: Der Reiz nach Süssem hält sich auch nach der Fastenzeit in Grenzen.

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Beat Lanzendorfer (Bild: Ralph Ribi)

Beat Lanzendorfer (Bild: Ralph Ribi)

Geschafft! An Ostern ging die Fastenzeit zu Ende, somit fand auch der Verzicht auf Süsses und andere Annehmlichkeiten seinen Abschluss. Die Redaktoren Anina Rütsche und Beat Lanzendorfer freut’s. Zum Abschluss ihrer Artikelserie berichten sie vom Fastenbrechen, vom ersten Schöggeli danach. Beide ziehen in Bezug auf die Fastenzeit ein positives Fazit. «Happy End», kann man nun sagen, und zugleich geht es um einen Anfang. Es beginnt eine Zeit, in der das, was nun einige Wochen lang tabu war, wieder mehr geschätzt wird. Und es stellt sich die Frage, ob nächstes Jahr erneut gefastet wird. Gut möglich, dass es dazu kommt.

Anina Rütsche: Zuckrige Zeiten

Anina Rütsche (Bild: Urs Bucher)

Anina Rütsche (Bild: Urs Bucher)

Noch mag ich gar nicht daran denken, dass ich nächstes Jahr wieder vor der Frage stehen werde: Fasten, ja oder nein? Im Moment bin ich schlicht und einfach froh, dass die Sache mit dem Verzichten auch dieses Mal so gut geklappt hat. In sämtlichen Lebenslagen konnte ich mich zusammenreissen und Süsses links liegen lassen. Auch habe ich das Smartphone weitaus weniger genutzt, als ich es normalerweise mache. Ich habe vieles weggelassen und die Erkenntnis gewonnen, dass dies bereichernd sein kann. Verloren habe ich übrigens auch, und zwar rund zwei Kilo Körpergewicht. Diese Erfolgserlebnisse bestärken mich darin, die Herausforderung im März 2019 einmal mehr anzunehmen.

Die Fastenzeit, die nun Geschichte ist, empfand ich als schön und anstrengend zugleich. Es war, wie wenn man lange steil bergauf wandert und dabei ins Keuchen und Schwitzen kommt. Schliesslich wird die grandiose Aussicht auf dem Gipfel zur Belohnung für die Strapazen, denen man sich mutig gestellt hat. Mein persönlicher Gipfel am Ostersonntag bestand aus Schokolade und einem eiskalten Energy Drink. Alles war lecker, alles war süss – erschreckend süss, wie ich fand. Die eierförmigen Pralinen schmolzen lieblich in meinem Mund, das Getränk kitzelte den Gaumen und mundete vorzüglich. Eigentlich war es so wie früher, bloss mit dem Unterschied, dass ich den Genuss nun bewusster wahrnahm als zuvor.

Nach den Feiertagen ging ich einkaufen, wobei ich einige Osternaschereien zum halben Preis ergattern konnte. Diese Beute nahm ich mit ins Büro. Mein Arbeits- und Fastenkollege Beat Lanzendorfer war derjenige, der sich am meisten darüber freute. Das kann ich natürlich gut verstehen. Dann allerdings passierte etwas Überraschendes: Nach zweidrei Häppchen, ich schwöre es, hatten wir bereits genug gegessen.

Beat Lanzendorfer: Versuch hat sich gelohnt

Beat Lanzendorfer (Bild: Ralph Ribi)

Beat Lanzendorfer (Bild: Ralph Ribi)

«Ich mache das seit vier Jahren», erklärte mir meine Arbeitskollegin Anina Rütsche vor gut sieben Wochen, als wir uns zum Thema Fasten unterhielten. Irgendwie hörte ich in ihren Worten so etwas wie eine Aufforderung, ihr es gleichzutun.

Ohne zu überlegen, kam von mir die Antwort: «Was du kannst, kann ich auch». Nun ist an Ostern die Fastenzeit zu Ende gegangen. Nicht nur einmal habe ich mich seither gefragt: «Warum hast du dich nicht schon in früheren Jahren darauf eingelassen?»

Es ist sehr erfüllend, wenn man das Angebot auf etwas Süsses oder ein Glas Wein mit der Begründung «danke ich faste» ablehnen kann. «Du auch» war des Öfteren zu hören, was mir bestätigte, dass mehr Menschen fasten, als allgemein angenommen. Es war nicht so, dass ich mich nach der «Leidenszeit» mit Wollust auf alles Süsses gestürzt habe, das mir unter die Finger gekommen ist. Ein kleiner Osterhase, ein Prügeli und eine Mascarponecreme mit Erdbeeren waren es aber schon.

Was passierte danach? Plötzlich machte sich mein schlechtes Gewissen bei mir bemerkbar. «Willst du so weitermachen wie vorher und alles in dich reinstopfen, was dir an Süssem über den Weg läuft?», fragte es mich vorwurfsvoll. Das hat gewirkt. Ich habe den Schokolade-Konsum seither nicht auf null heruntergefahren, etwas weniger kann aber trotzdem nicht schaden.
Die Fastenzeit soll zum einen zum Nachdenken anregen, zum anderen hat sie mir vor Augen geführt, dass vieles gar nicht nötig ist. Wie lange ich mich in Zurückhaltung üben kann, ist heute noch nicht absehbar. Eines aber kann ich mit Sicherheit sagen: Die Zeit des Entzugs hat mir gut getan und müsste ich mich jetzt entscheiden, ob ich nächstes Jahr wieder dabei bin, ich könnte die Frage mit einem überzeugten «Ja» beantworten.

Das Verlangen nach Schokolade ist nicht mehr das Gleiche wie vor der Fastenzeit. (Bild: Timon Kobelt)

Das Verlangen nach Schokolade ist nicht mehr das Gleiche wie vor der Fastenzeit. (Bild: Timon Kobelt)