SELBSTVERSUCH - FOLGE 3: Fastenzeit bietet Raum für Streiche

Zwei Redaktionsmitglieder beginnen gerade die dritte Fasten-Woche. Inzwischen greifen sie zu gut gemeinten Streichen, um die Widerstandskraft des jeweils anderen zu testen oder zu brechen.

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Schokolade am Arbeitsplatz führt die fastenden Redaktoren in zusätzliche Versuchung. (Bild: KEYSTONE)

Schokolade am Arbeitsplatz führt die fastenden Redaktoren in zusätzliche Versuchung. (Bild: KEYSTONE)

Die dritte Woche der Fastenzeit hat begonnen, aber Halbzeit ist noch lange nicht. Bis zum Osterfest verzichten die beiden Redaktionsmitglieder Beat Lanzendorfer und Anina Rütsche auf allerlei liebgewonnene Laster. Unter anderem sind süsse Speisen und Getränke bis Anfang April tabu. Dieser Verzicht ist bisher gelungen, doch das Vorhaben gestaltet sich nicht immer einfach. Während sich Anina Rütsche nach einem eisgekühlten, prickelnden Energydrink sehnt, träumt Beat Lanzendorfer von Schokolade in allen Farben und Formen.

Ablenkung vom «Gluscht» bieten unter anderem motivierende Zuschriften aus der Leserschaft. Es zeigte sich nämlich, dass die zwei Zeitungsleute bei weitem nicht die einzigen aus unserer Region sind, die sich derzeit Gedanken über ihren Konsum und ihre Gewohnheiten machen. Erfreulich ist zudem, dass der Humor im Büro während der Fastenzeit eine regelrechte Hochblüte erlebt: Der Verzicht bietet unzählige Gelegenheiten, einander nett gemeinte Streiche zu spielen.
 

Anina Rütsche: Warum ich Brügeli langweilig finde

Anina Rütsche, Redaktorin (Bild: Urs Bucher)

Anina Rütsche, Redaktorin (Bild: Urs Bucher)

Direkt neben der Computermaus an meinem Arbeitsplatz lag es, umhüllt von verführerisch glänzendem Rot. Ein Schoggibrügeli! Es war Sonntag, Wochenenddienst, ich hätte diese Leckerei also still und heimlich geniessen können. Doch natürlich ahnte ich sogleich, wer hinter der Sache steckte: Mein Kollege Beat Lanzendorfer hatte mir doch tatsächlich eine Fasten-Falle gestellt! Froh, nicht darauf hereingefallen zu sein, grinste ich vor mich hin. Es gibt nämlich einen guten Grund, warum es beinahe unmöglich ist, mich ausgerechnet mit einem Brügeli herumzukriegen.

Begonnen hatte alles in meinen ersten Semesterferien. Wie viele andere Studentinnen und Studenten wollte, und musste ich Geld verdienen. Schliesslich fand ich eine Aushilfsstelle in einem Unternehmen, das Schokolade aller Art herstellt. «Gell, du hast jetzt einen Schoggijob», musste ich mir fortan von allen Seiten anhören. Dabei war das Ganze aus meiner Sicht brutal anstrengend. Ich musste extrem früh aus den Federn kriechen und anschliessend acht Stunden in einer kühlen Halle am Fliessband stehen. Brügeli um Brügeli sauste an mir vorbei, schnell, zu schnell, wie ich fand. Mit meinen weissbehandschuhten Fingern griff ich immer wieder zu. Unzählige Schachteln habe ich in jenem Sommer mit bunt verpackten Schoggistängeli gefüllt. Und ja, man durfte zwischendurch sogar naschen – vorausgesetzt, es geschah ein Wunder, welches dieses gnadenlose Fliessband vorübergehend zum Stillstand brachte. Damals, mit 20, habe ich mich durch das gesamte Sortiment meines Arbeitgebers degustiert. Es war meine Möglichkeit, mich trotz allem auf meinen Einsatz zu freuen. Ein Brügeli zum Trost, und gleich noch eines, weil ich mich von der Schokolade besser verstanden fühlte als von allen Kollegen und Vorgesetzen zusammen.

Die Konsequenz dieser Völlerei ereilte mich erst, nachdem das Studium längst wieder begonnen hatte. Zunächst fiel es mir schwer, es zu akzeptieren, doch bis zum heutigen Tage sind mir Brügeli total verleidet. So nahm ich an jenem Sonntag im Redaktionsbüro das süsse Corpus Delicti und legte es meinem Kollegen Beat auf den Schreibtisch, versehen mit der Notiz «Guten Appetit!».
 

Beat Lanzendorfer: Von einem Apéro zum anderen

Beat Lanzendorfer, Redaktor (Bild: Ralph Ribi)

Beat Lanzendorfer, Redaktor (Bild: Ralph Ribi)

Wir haben noch Kaffee und Kuchen, bitte bediene dich», sagte Mohamed Afifi, Kommandant der Jugendfeuerwehr, anlässlich der Einkleidung derselben am letzten Samstag. Schon beim Eintritt ins Kirchberger Feuerwehrdepot erhielten die Erwachsenen ein Glas Sekt. Beide Angebote musste ich dankend ablehnen. Bei Sekt und Kuchen muss ich bis Ende März passen, schliesslich bin ich in meiner zweiten Woche des Fastens.

Die nächste Versuchung liess nicht lange auf sich warten. Die Delegierten des kantonalen Turnverbandes tagten ebenfalls am Samstag in Bütschwil. Dort angekommen, hiess mich Nicole Raschle mit den Worten willkommen: «Im Untergeschoss wird ein  Apéro spendiert, du darfst dich dort gerne anschliessen». Lächelnd verzichtete ich. Mein zweiter Anlass am selben Tag, der mich zum Sündigen verleiten wollte, dem ich aber widerstehen konnte.

Die nächste Bewährungsprobe folgte am Dienstag. Die IG Libingen lud in die Mehrzweckhalle, um Joel Gisler, ihren Olympiateilnehmer willkommen zu heissen. Nach den Ehrungen durch Gemeindepräsident Renato Truniger und Guido Kläger, Präsident der IG, waren die Anwesenden zu was eingeladen? Richtig geraten, es gab einen Apéro mit feinen Häppchen und dem obligaten Glas Wein. Mittlerweile bin ich geübt im Neinsagen und beschränkte mich auf ein Glas Wasser. Drei Beispiele, die aufzeigen, dass durchaus etwas Wille vonnöten ist, um standhaft zu bleiben. Dabei hat die «Saison» der Haupt-, Korporations- und Bürgerversammlungen noch gar nicht begonnen.

Die härteste Wochenprüfung sollte mir aber noch bevorstehen. Der gestrige 28. Februar ist der Geburtstag meiner Schwiegermutter. Zum Dessert spendiert sie jeweils eine selbstgemachte Schwarzwäldertorte, die nicht nur himmlisch aussieht, sondern auch so schmeckt. Ich musste mehrmals leer schlucken, als die Geburtstagsgäste die Torte mit Genuss wegputzten. 
Manchmal kann freiwilliges Fasten zur Qual werden, trotzdem hatte ich nicht vor, schon nach zwei Wochen Schwächen zu zeigen. Wie lange kann ich wohl den Verlockungen noch widerstehen?