SELBSTVERSUCH - FOLGE 1: Jetzt wird gefastet: Zwei Redaktoren wagen einen Selbstversuch

Heute ist Aschermittwoch, heute beginnt die Fastenzeit. Eine Redaktorin und ein Redaktor haben entschieden, vorübergehend auf Liebgewonnenes zu verzichten - etwa auf Süsses und Smartphones.
So süss, so gluschtig: Bereits während der Fastenzeit bieten Confiserien und Grossverteiler eine Fülle an Schoggihasen an. (Bild: Donato Caspari)

So süss, so gluschtig: Bereits während der Fastenzeit bieten Confiserien und Grossverteiler eine Fülle an Schoggihasen an. (Bild: Donato Caspari)

Die Fastenzeit dauert bis Ostern. In der römisch-katholischen Kirche wird dafür seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil auch die Bezeichnung «österliche Busszeit» verwendet. In den reformatorischen Kirchen ist der Begriff «Passionszeit» gebräuchlich. Längst sind es aber nicht ausschliesslich religiöse Gründe, welche die Menschen dazu bewegen, sich vor Ostern während mehrerer Wochen im Verzichten zu üben. Manchmal ist es auch der Wille, lästige Gewohnheiten loszuwerden oder Prioritäten neu zu setzen. Oder die Neugierde, etwas auszuprobieren, ohne zu wissen, ob man es schafft oder ob man scheitert. Fasten ist auf alle Fälle ein Wagnis. So sehen es auch Beat Lanzendorfer und Anina Rütsche, zwei Mitglieder aus dem Redaktionsteam des «Toggenburger Tagblatts». Die beiden haben sich entschieden, ab heute vorübergehend auf eine Auswahl an Liebgewonnenem zu verzichten. Regelmässig werden sie in der Zeitung über ihre Erfahrungen berichten.

Verzichten, um zu gewinnen

Anina Rütsche

Anina Rütsche, Redaktorin (Bild: Urs Bucher)

Anina Rütsche, Redaktorin (Bild: Urs Bucher)

Freuen, nein, freuen kann ich mich nicht. Aber ich bin neugierig – auf die Fastenzeit, die heute beginnt. Es ist meine fünfte. 2014 kam ich erstmals auf die Idee, mich in den Tagen zwischen der Fasnachtszeit und Ostern im bewussten Verzichten zu üben. Den Ausschlag gab eine Ausschreibung von «40 Tage ohne». Diese Aktion wird von Freiwilligen organisiert, unterstützend wirken das Netzwerk Junge Erwachsene der evangelisch-reformierten Kirche des Kantons St. Gallen sowie von der Fachstelle Kirchliche Jugendarbeit des Bistums St. Gallen. Im Internet können sich 18- bis 35-Jährige auf der Seite registrieren, um sich zwischendurch auszutauschen und motivierende Post von den Organisatoren zu erhalten. «Brauche ich, was ich habe? Habe ich, was ich brauche?», stand da, und ich begann zu überlegen. Mir fielen die verlockenden Snacks im Pausenraum des Redaktionsbüros in Wattwil ein, in dem ich damals erst seit kurzem arbeitete. Lecker, da greife ich gerne zu! Und dann die Energydrinks. Seit der Schulzeit liebe ich sie, zwar zuckerfrei, aber dennoch irgendwie unnötig.

Fasten hat meiner Meinung nach aber nicht ausschliesslich mit Essen und Trinken zu tun. Für mich bedeutet es, Gewohnheiten zu überdenken und dort anzusetzen, wo eine Veränderung am dringendsten nötig ist. Bei mir betrifft dies auch das Smartphone. Immer wieder wische ich, wohl aus Furcht vor drohender Langeweile, planlos auf dem Gerät herum. Ich hätte aber viel mehr von meiner Freizeit, würde ich stattdessen ein Buch lesen oder das Telefon dazu nutzen, Freunde und Verwandte anzurufen. Das wäre ein Gewinn.

So entstand dieses Jahr mein Entschluss, vom heutigen Aschermittwoch bis zum Ostersonntag vollständig auf Folgendes zu verzichten: süsse Speisen, Energydrinks und Süssgetränke aller Art sowie unnötige Nutzung des Smartphones. Es ist happig, doch zum Glück bin ich nicht die Einzige: Auch mein Redaktionskollege Beat Lanzendorfer hat die Herausforderung angenommen.

Leiden wegen Schoggihasen

Beat Lanzendorfer

Beat Lanzendorfer, Redaktor (Bild: Ralph Ribi)

Beat Lanzendorfer, Redaktor (Bild: Ralph Ribi)

Ich kenne Menschen in meinem Umfeld, für die gehört es nach dem wilden Treiben in der Fasnachtszeit einfach dazu. Meine Arbeitskollegin Anina Rütsche tut es zum Beispiel seit vier Jahren. Nach einem Gespräch mit ihr blieb der Gedanke in meinem Hinterkopf haften. Der definitive Entschluss, mich überflüssiger kulinarischer Gelüste zu entsagen, fiel während einer Redaktionssitzung.

Somit werde ich mich in diesem Jahr erstmals denjenigen anschliessen, die ab dem heutigen Aschermittwoch bis zum Gründonnerstag während über 40 Tagen fasten. So konsequent wie es die mittelalterlichen Fastenregeln vorschreiben – eine Mahlzeit am Tag, der Verzehr von Fleisch, Milchprodukten, Alkohol und Eiern ist verboten – bin ich allerdings nicht. Dazu fehlen mir Wille und Stehvermögen. Da halte ich mich lieber an meine Arbeitskollegin, die sich süssen Speisen und Getränken entsagt.

Ob mir der Entzug gelingt, kann ich zum jetzigen Zeitpunkt nicht einschätzen. Was mir am meisten Kopfzerbrechen bereitet: Wie komme ich an den vielen Schoggiosterhasen vorbei, die schon jetzt, im Februar, zu Tausenden in den Verkaufsräumen der Detailhändler zur Schau gestellt werden? Eine weitere Hürde ist der Aufenthaltsraum bei uns im Büro in Wattwil. Dort liegt fast immer etwas Süsses auf dem Tisch, dies mit dem Hinweis «bedient euch».

Wie dem auch sei, ich habe meinen Redaktionskolleginnen und -kollegen nun versprochen, dass ich ab heute Mittwoch zu den Fastenwilligen gehöre. Wie weit mich mein Wille trägt? Da bin ich selber gespannt. Am liebsten die geforderten 40 Tage. Ich bin mir sicher, für mich wird die Fastenzeit zur Leidenszeit. Aber das soll es ein Stück weit ja auch sein. Ich halte Sie auf dem Laufenden.

Und schliesslich hätte der Verzicht eine angenehme Nebenwirkung: Die Wölbung meines Wohlstandsbauches würde bis Anfang April hoffentlich sichtbar abnehmen.

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