Selbstinszenierung in Grün

«Manon ist Kunst», stellte der St. Galler Künstler und Autor Josef Felix Müller in seiner Vernissage-Ansprache fest. Dieser Auftakt war die Eröffnung vom «Buch Kunst Fest», das der Bücherladen und Agathe Nisple veranstalten.

Margrith Widmer
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Die gesammelten Ängste. (Bild: mw)

Die gesammelten Ängste. (Bild: mw)

AUSSERRHODEN. Der Raum ist ganz und gar grün: grüne transparente «Türen», grüne Wände, grüne Decke – am gegenüberliegenden Ende ein rotes Brett, daran befestigt ein altes Wandtelefon – «Notfallstation» – aus einem Lautsprecher tönt eine «sprechende Uhr»: «Beim dritten Ton ist es genau: Piep. Piep. Piep.» Die Schweizer Künstlerin Manon hat im Kunstraum Station Agathe Nisple «Die gesammelten Ängste» installiert. Am Donnerstagabend war Vernissage.

Dieser Auftakt war gleichzeitig die Eröffnung vom «Buch Kunst Fest» am Pfingstwochenende, das der Bücherladen Appenzell und Agathe Nisple veranstalten.

«Ich wollte Kunst sein»

Zur Installation gehören auch die Plakate: Grüner Grund – darauf eine Bahnhofsuhr. Gleichzeitig erscheint eine Edition mit noch nie veröffentlichen Fotos aus Manons Installation «Das lachsfarbene Boudoir», dem ersten ihrer zahlreichen Environments. Sie gilt als eine der bekanntesten Performance-Künstlerinnen der Schweiz.

«Ich wollte Kunst sein», sagt Manon: Zur Vernissage in Appenzell erschien sie in grünem Kostüm – in exakt demselben Farbton wie ihr grüner Raum, mit Ledertoque und grün getönten Brillengläsern – klein, zierlich, schön – eine ganz grosse Künstlerinnen-Persönlichkeit.

Rasierter Schädel

«Manon ist Kunst», stellte der St. Galler Künstler und Autor Josef Felix Müller in seiner Vernissage-Ansprache fest. Die St. Gallerin Rosmarie Küng (Manon) besuchte die Kunstgewerbeschule in Zürich und die Schauspielakademie, sie war Model und Modedesignerin. 1974 gestaltete sie das erste Environment «Das lachsfarbene Boudoir». So berühmt wie Meret Oppenheims «Pelztasse» wurde Manons «La dame au crâne rasé».

Ein Star

Es folgten eine Krise und nahezu zehn Jahre selbstgewählter Absenz vom Kunstbetrieb, Jahre in Paris. Als sie 1990 erstmals wieder ihre Werke im Kunstmuseum St. Gallen ausstellte, war Manon bereits ein Star, eine der wichtigsten Schweizer Künstlerinnen, wie Gianni Jetzer, der Kurator der St. Galler Kunsthalle schrieb. Ihre Werke rührten zu Tränen und provozierten. Sie setzte Männer nach der Art der holländischen Bordelle in Schaufenster, zeigte sich selber im Schaukasten, trieb die Lust am Voyeurismus ins Extreme. Sie inszenierte ihren Körper – ihre Weiblichkeit. Im «Lachsfarbenen Boudoir» zeigte sie erotische Fetische und Attribute.

Gleichzeitig installierte sie ihre «mères spirituelles», ihre spirituellen Schwestern: von Edith Piaf, über Billie Holiday, Meret Oppenheim zu Georgia O'Keeffe und Eileen Grey. «Männer sind ohne Geheimnis», sagte sie. Jede dieser hochbegabten Frauen habe mindestens ein Geheimnis.

Und jetzt «Die gesammelten Ängste», das grenzenlose Verstummen – jeder Betrachter überlegt, was seine gesammelten Ängste seien. Manon stellte und stellt ihren Körper, ihren Geist, ihr Leben mit all seinen Facetten zur Schau. Sie stellt Fragen nach Ziel und Zentrum ihrer Existenz – und hält Blickkontakt zum Betrachter – in einem grünen Raum mit schwarzem Wandtelefon auf knallroter Platte, mitten in Appenzell.

www.nisple.com

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