Selbstdenker mit Pseudonym

WATTWIL. Pierre en bas le versant beschreibt in seinen Gedanken-Büchern die menschliche Existenz mit rauem Denken neu, kritisiert den Idealismus, findet den Verstand fragwürdig und Gott eine Vorstellung des Menschen – Porträt eines Toggenburger Pseudonyms.

Hansruedi Kugler
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Der Philosoph und sein Hund Pax: Pierre en bas le versant in seiner Toggenburger Heimat. (Bild: Hansruedi Kugler)

Der Philosoph und sein Hund Pax: Pierre en bas le versant in seiner Toggenburger Heimat. (Bild: Hansruedi Kugler)

WATTWIL. Er ist ein Heimkehrer mit einer «alten Seele», einer kranken Lunge und einem unbändigen Willen und wildem Denken – ein Philosoph mit leidenschaftlicher Vehemenz. So intensiv er von seiner Weltanschauung spricht und damit manchen Bekannten überfordert, so heftig und wild schreibt er auch. Seine Bücher gibt er unter dem Pseudonym «Pierre en bas le versant» heraus. Sein erster Roman, über 350 Seiten, mit dem Titel «Die Sinnlichkeit und der Verstand» wird er im Frühjahr 2012 fertiggestellt haben. Er soll sein Hauptwerk werden.

Ein Autodidakt und Kritiker

Pierre en bas le versant ist kein studierter Philosoph. Er sei «frei von einem erlernten Denken aus Marmorhallen», sondern ein Mann der Wirtschaft und ein Abenteurer. Eine Maske sei das Pseudonym aber nicht, sagt der 65jährige gebürtige Wattwiler. Versteckspiel ist nicht der Grund, denn wer hinter den Gedanken stecke, sei für den Leser nicht wichtig, nur der Inhalt zähle. Kenntnisse über den Autor verleiteten zu biographischen Rückschlüssen und dadurch in die Irre, meint er. Alleine auf die Gedanken komme es an. Und mit diesen greift er durchaus aktuelle Zeitprobleme auf. So schreibt er etwa in «Gedanken und Denken»:

Für mich ist die Wirtschafts- und Finanzkrise nur der Beweis, wie viel stärker unsere Gefühle im Vergleich zu unserem Verstand sind: Gier, Egoismus, Macht, Angst, Glaube…

Was lapidar und populär-psychologisch tönt, ist philosophisch gemeint. Was macht den Menschen aus? Diese philosophische Urfrage treibt Pierre en bas le versant um. Er ist das Gegenteil eines Idealisten, sieht den Menschen vielmehr als Triebwesen, als Zufall der Evolution. Diese Einsicht aber habe der moderne Mensch vergessen oder verdrängt.

Denken gegen Unzulängliches

Da kehrt einer nach einem vielfältigen Berufsleben ins Toggenburg zurück und schreibt philosophische Bücher. Rohe Bücher, deren Denken man gefährlich finden kann. Zwei hat Pierre en bas le versant bisher herausgegeben: «Gedanken und Poesie» (2005) und «Gedanken und Denken» (2008), so die leider etwas nüchternen Titel. Beide als «book on demand» herausgegeben. Verkauft hat er kaum: «Heute setzt sich kaum jemand mit solchen Gedanken auseinander», meint er. Eine systematische Abhandlung über das Denkvermögen des Menschen darf man nicht erwarten. «Dies kann die Neurologie auch noch nicht», relativiert er.

In Fragmenten stösst er seine Gedanken allmählich voran. Zum Schreiben angefangen habe er nach einer tiefen Enttäuschung. Vor sieben Jahren pendelte er von Frauenfeld nach Zürich zur Arbeit: «Ich musste meine Gedanken los werden, sonst hätte ich Kopfschmerzen gekriegt.» Den Erstling «Gedanken und Poesie» hat er im Zug geschrieben. Darum ist das Buch eine Sammlung von Fragmenten geworden. Seine Weltanschauung aber habe er über Jahre entwickelt: «Etwas zu sagen hat man erst, wenn man viel erlebt und grosses Leid erfahren hat. Was gibt es zudem Sinnvolleres, als im Alter über sein Leben und das Leben selbst nachzudenken und dies mindestens an seine Kinder und Kindeskinder weiter zu geben.» Zugang zu seinem Wesen bieten dem Menschen vor allem seine Gefühle, sagt er. Der Verstand hingegen ist dem Toggenburger Denker verdächtig, weil anerzogen und von der jeweiligen, zufälligen gesellschaftlichen Norm geformt. So sieht er auch seine Existenz als Zufall und Auftrag, sich selbst zu erfinden, zu erkämpfen. In «Gedanken und Denken» schreibt er:

Ich bin gemacht worden, also ein Produkt und empfinde mich trotzdem als mich, obwohl ich nicht mich selbst sein kann. Eine Raffinesse unseres Gehirns und unserer Psyche. Meine Erzeuger konnten mich auch nicht machen, sie konnten nur einen Geschlechtsakt vollziehen und abwarten, was daraus wird.

Kindheit wie ein Märchen

Erlebt hat Pierre en bas le versant einiges. Seit zwei Jahren lebt er wieder im Toggenburg, in Lichtensteig mit seiner dritten Ehefrau. Gesundheitlich angeschlagen ist er vor allem wegen seiner kranken Lunge. Er zuckt mit den Schultern: Staublunge habe man dazu früher gesagt, nur noch vierzig Prozent des Lungenvolumens seien ihm geblieben. Ständige Begleiter auf seinen Spaziergängen sind deshalb sein Gehstock und sein Hund Pax, den er seit zehn Jahren jeden Tag um sich hat.

Aber alt werden wolle er ohnehin nicht, sagt er. Lieber spricht er über seine Kindheit und Jugend in Wattwil. Selbstverständlich habe er im elterlichen Geschäft mithelfen müssen und habe strenge Lehrer gehabt. Aber insgesamt komme ihm diese Zeit im Rückblick wie ein Märchen vor: Behütet und abenteuerlich, schön und farbig sei sie gewesen. Vor allem sei diese Zeit geprägt gewesen von Arbeit und intensivem Erleben. Das will er den Heutigen mit auf den Weg geben: Viel Arbeiten, eigene Erfahrungen machen und vor allem selbst denken, nicht ausnahmslos von anderen Gedachtes glauben und annehmen. Zudem würden die Menschen immer schwächer: «Die Frauen werden immer männlicher, die Männer immer weiblicher. Die Gesellschaft degeneriert immer mehr.»

Ziel ist die starke Persönlichkeit

Menschwerdung heisst für ihn, eine starke Persönlichkeit zu werden. Bei seinen Kindern habe das funktioniert. Er selbst durchlief verschiedene Wirtschaftsbranchen und Positionen, machte Karriere und erlebte auch Rückschläge. In jungen Jahren war er auch Amateur-Boxer und Fallschirmspringer und wurde als Panzer-Grenadier ausgehoben. Vielleicht schreibt er deshalb aus der Summe seiner Erfahrungen heute:

Die Persönlichkeit der Menschen nimmt in dem Masse ab, wie unser Wohlstand und unsere Bequemlichkeit zunimmt.

Unheimlich mutet ihm darum auch die Verantwortung an, die Eltern übernehmen, indem sie ihre Kinder zu erziehen versuchen. Das Zusammenleben sieht er allerdings grundsätzlich skeptisch:

Das Zusammenleben ist gegen die eigentliche Natur des Menschen, obwohl er immer mit anderen Menschen zusammengelebt hat. Es ist deshalb gegen die Natur, weil er tief in seinem Innersten, in seinem Denken und seinem Charakter ein Individuum ist und bleibt.

Damit widerspricht er vielen Philosophen. Allen voran Aristoteles, der den Menschen als zoon politikon, als Gemeinschaftswesen, definierte. Das kümmert Pierre en bas le versant aber nicht.

Nietzsche als Realist erkannt

Ohne zu zitieren bezieht er sich lieber auf Philosophen wie Schopenhauer oder Nietzsche – beides Pessimisten, Spötter der Gesellschaft und Idealismus-Zerstörer. Wie Nietzsche erkennt Pierre en bas le versant die Macht und Kraft der Instinkte:

Ich glaube an einen neuen Menschen, der sich vereinfacht und sich nur noch auf die ureigensten menschlichen Eigenschaften konzentriert, um damit wieder wirklich zu leben, zu hassen und zu lieben. Leben heisst, an der Natur, in welcher wir leben, Anteil haben und an sich selbst Freude empfinden. Leben heisst, die Gefühle des Wollens, Besitzens, Erbauens und vieles mehr zu befriedigen, so intelligent, dass keine Angst und keine Selbstvorwürfe entstehen können.

Pierre en bas le versant plädiert also nicht für einen absolut gesetzten Egoismus, auch wenn er mit seinem Denken in die gefährliche Rhetorik vom «überlegenen Menschen» hineingerät. Ohne Ethik geht es auch bei ihm nicht. Die Grenzen zu ziehen ist das eine, den nüchternen Wahrheiten ins Auge zu schauen das andere, meint er. Und er sieht den Menschen materialistisch:

Es gibt für mich nur das, was wir in uns haben und dies ist Materie, Physik und Chemie und die daraus möglichen Energien. Also sind unsere Empfindungen samt dem Bewusstsein Energien, welche über ein Informationssystem empfunden und entschlüsselt werden können.

Deshalb ist es nur konsequent, dass Pierre en bas le versant Gott als eine menschliche Vorstellung bezeichnet. Die Schöpfung sei derart grossartig, vielfältig und komplex, dass wir sie nicht wirklich begreifen können und uns eben nur eine Vorstellung zurechtlegen können:

Gott konnte noch nie bewiesen werden noch hat ihn ein Mensch je gesehen oder erlebt, ausser in seinem Hirn selbst. Also ist Gott das, was wir gerne möchten, uns wünschen, unser eigenes Produkt.

Auch dies sagt er nicht als erster. Der deutsche Philosoph Ludwig Feuerbach hat solches schon vor 150 Jahren gesagt. So steht schliesslich auch ein erklärter Selbstdenker wie Pierre en bas le versant in einer Denk-Tradition eines Vordenkers für Grundlagen der Psychologie. Und am Ende von «Gedanken und Denken» steht dann ein schöner Satz, der die Selbstauflösung des Philosophen bedeutet:

Das Leben versteht nur derjenige, welcher nicht darüber nachdenkt.