Sekunden im Rampenlicht

WILDHAUS. Das Schweizer Fernsehen und Cineworx Filmproduktion drehen seit 9. Februar bis 11. März den Film «Charlys Comeback» in Wildhaus und Umgebung. Eine Szene spielt dabei in der reformierten Kirche. Für diesen Dreh waren besonders viele Statistinnen und Statisten von Nöten.

Olivia Hug
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Weihnachten im Februar: Am Set zum Film «Charlys Comeback», der zurzeit in Wildhaus gedreht wird. (Bild: Olivia Hug)

Weihnachten im Februar: Am Set zum Film «Charlys Comeback», der zurzeit in Wildhaus gedreht wird. (Bild: Olivia Hug)

«Seid bitte pünktlich!», steht in Grossbuchstaben und fettgedruckt in der letzten E-Mail, die den Statisten zugeschickt wird. Um punkt halb sechs soll der Dreh in der reformierten Kirche beginnen, alle Anwesenden sollen auf ihren Plätzen sein. Effektiv sitzen wir, gut 80 Personen, bis 19 Uhr im Restaurant Sonne und genehmigen uns einen Tee, um für die kommenden Stunden aufgewärmt zu sein. Von zwei Stunden Aufenthalt in der Kirche und anschliessendem Dreh draussen ist die Rede gewesen.

Christian Casper, der für die Koordination der Statistinnen und Statisten verantwortlich ist, hat uns freundlicherweise darauf hingewiesen, dass Thermo-Unterwäsche von Vorteil sein könnte.

Eleganter Kirchen-Look

Dieser Christian ist der einzige Anhaltspunkt, den wir haben. Wer sonst an der Entstehung des Schweizer Films «Charlys Comeback» beteiligt ist, erfahren wir erst später.

Christian ist auch derjenige, der uns nachts um halb eins mittels SMS daran erinnert, ihm unsere definitive Anwesenheit am Set zu bestätigen. Und er ist derjenige, der uns aufgetragen hat, unsere Garderobe gemäss der Szene zu wählen, für die wir uns als Statisten zur Verfügung stellen. Wir sind Besucherinnen und Besucher einer Weihnachtsmesse in der reformierten Kirche. Wir sollen uns festlich kleiden und auf hochhackige Schuhe verzichten.

In der hell beleuchteten Kirche werden wir zu unseren Plätzen geführt. Ausgerüstet mit einem «Fress-Säckli» und mit entleerter Blase werde ich in die vorderste Reihe eingewiesen, zwischen einem Herrn, der selbst in der Theater-Branche tätig ist und einer Dame, die sich das Statistin-Dasein zum Hobby gemacht hat. Während ich staunend die Crew und alle technischen Einrichtungen studiere, macht sie sich an den Inhalt des Säcklis: Diverse Früchte, eine Semmel, ein Landjäger und ein Schoggi-Stengeli. Sie scheint den Ablauf gewohnt zu sein.

Hinter uns werden die anderen Statisten angewiesen, ihre Plätze einzunehmen. Es werden Paare und Familien geformt, kleine vor grosse Personen gesetzt und weiss gekleidete neben solche mit schwarzer Jacke.

Mitwirkende in grosser Zahl

Die angekündigte Maske fällt aus. Stattdessen gehen zwei Frauen kurz durch die Reihen und kontrollieren unser Aussehen. Einem Herrn wird rasch die Glatze gepudert. Ansonsten belässt man uns so, wie wir halt sind. Nur die «Familie Hasler», die eine Nebenrolle zu spielen scheint, wird etwas herausgeputzt.

Erst allmählich wird mir bewusst, wie viele Menschen tatsächlich an der Entstehung dieser Szene beteiligt sind. Der Regisseur bespricht mit den Assistenten, was er auf dem Computer sieht, eine junge Frau stellt die Kamera scharf, die von einem Mann auf der Schiene hin und her geschoben wird. Währenddessen reinigt ein Techniker mehrmals die Linse und der Verantwortliche für den Ton überprüft die Mikrophone. Dazwischen etliche Personen, deren Aufgabe sich mir nicht erschliesst.

Was die Rolle der Statisten ist, wird erst später vom Regisseur Sören Senn erläutert. Wir hören ein Weihnachtskonzert mit Live-Jodel – vorerst Playback eingespielt.

Es ertönt unser Stichwort «Action» und wir konzentrieren uns darauf, gute Statisten zu sein. Nur weiss ich gar nicht, wie dies am besten zu bewerkstelligen ist.

Wohin sehe ich eigentlich, wo würde das Chörli stehen? Soll ich den Blick schweifen lassen oder stur an einem Punkt fixieren? Soll ich glücklich dreinschauen oder in mich gekehrt? Und wohin soll ich bloss gucken, wenn die Kamera nur zwei Meter vor mir meinen Blick kreuzt? Es ist gar nicht so einfach, eine gewöhnliche Messebesucherin zu sein, wenn man krampfhaft versucht, eine darzustellen.

Glücklicherweise erkennt auch der Regisseur das Problem und gibt uns beim zweiten Drehversuch Instruktionen. Mich und meine Nachbarin bittet er zudem, zufriedener auszusehen, beseelt und besinnlich. Zur Hilfe könnten wir auch den Christbaum ansehen, der behelfsmässig aufgestellt worden ist. Fünf flackernde Kerzen darauf versuchen verzweifelt, der Atmosphäre einen festlichen Touch abzugewinnen.

Der Prominenz ganz nahe

Nachdem die Szene mehrmals abgedreht worden ist, lässt uns ein Regie-Assistent weit nach hinten versetzen. Alle vorderen Reihen schliessen auf. Jetzt werden die Schauspieler Charlotte Schwab und Ralph Schicha aus kurzer Distanz gefilmt. Erst in diesem Augenblick fällt mir auf, dass die Fernsehstars längst unter uns weilen. Da in dieser Szene aber nicht gesprochen wird, sind sie in der Menge der Statisten untergegangen. Auch sie sitzen wie wir die meiste Zeit wartend da.

So richtig informiert uns niemand darüber, was als nächstes passiert, oder ob überhaupt etwas passiert. Für mich macht das Ganze einen erheblich unkoordinierten Eindruck. Die Spannung darauf, wie das Treiben am Set zu und her geht, verflüchtigt sich langsam, ich sehne die letzte Szene herbei. Da weiss ich noch nicht, dass ich die kommende Stunde bei rund minus 11 Grad vor der Kirche verbringen werde, zitternd eine kleiner werdende Kerze haltend, um schliesslich gar nicht von der Kamera erfasst zu werden.

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