Seit 100 Jahren in Betrieb

Seit einem Jahrhundert verkehren Züge zwischen Ebnat-Kappel und Nesslau. Zahlreiche andere Vorschläge, das Obertoggenburg ans Bahnnetz anzuschliessen, liessen sich jedoch nicht realisieren.

Jesko Calderara
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OBERTOGGENBURG. Vor 100 Jahren, am 1. Oktober 2012, wurde die Eisenbahnstrecke Ebnat-Kappel – Nesslau durch die Bodensee-Toggenburgbahn (BT) eingeweiht. Dies, nachdem Teile der Region bereits 1870 mit der Eröffnung der Toggenburger Bahn (TB) zwischen Wil und Ebnat-Kappel eine Bahnverbindung an die Bahnlinie St. Gallen – Zürich erhalten hatten. «Die Verlängerung der Strecke bis Nesslau kann als verkehrspolitisches Zugeständnis ans Obertoggenburg angesehen werden», sagt der Eisenbahnexperte und Buchautor Anton Heer. Ebnat-Kappel habe bereits frühzeitig für eine Rickenbahn über sein Gemeindegebiet gekämpft. Aus finanziellen Gründen scheiterte dieses Ansinnen, so dass die Schweizerische Bundesbahnen (SBB) den Rickentunnel zwischen Wattwil und Kaltbrunn baute.

2,3 Millionen Franken Kosten

«Eine zentrale Rolle spielte der damalige Nesslauer Gemeindepräsident Albert Kuhn», erklärt Anton Heer. Dieser förderte vehement den Bahnbau ins Obertoggenburg. Zusammen mit einigen Behördenmitgliedern stellte er 1898 ein Konzessionsgesuch an den Bundesrat zum Bau einer Eisenbahn zwischen Ebnat-Kappel und Nesslau. Das Projekt würde sowohl dem Tourismus, als auch den Gemeinden dienen, hiess es in der Begründung. Die BT erhielt den Zuschlag und realisierte zwischen 1910 und 1912 den knapp acht Kilometer langen Abschnitt. «Das Projekt hat rund 2,3 Millionen Franken gekostet», so Anton Heer. Die Zuglinie Romanshorn – Wattwil als Vergleich verschlang 30 Millionen Franken, während sich der Aufwand für die Rickenbahn auf 17 Millionen Franken summierte.

Mit zahlreichen Ehrengästen, darunter Bundesrat Hoffmann, Festreden und Feierlichkeiten wurde am 1. Oktober 2012 die neue Verbindung bis Nesslau offiziell in Betrieb genommen. Für die musikalische Unterhaltung sorgte damals der lokale Jodlerklub Männertreu. Dieser wurde spezielle für die Einweihung gegründet. (siehe Kasten).

Pionierarbeit im Brückenbau

Technisch, sagt Anton Heer, sei der Ausbau der Bahnlinie nach Nesslau kein grosses Problem gewesen. «Jedoch wurde im Brückenbau Pionierarbeit geleistet.» Das aus Sandstein gebaute Thurviadukt bei Krummenau gehöre immer noch zu den Gewölbebrücken, mit dem am weitest gespannten Bogen in der Schweiz. Die BT setzte ab 1912 sechs dampfbetriebene Zugskompositionen ein. Nach einem Kohlenstoffmonoxid-Unfall 1926 im Rickentunnel, wurde die Strecke von den SBB aber elektrifiziert. Dieser Entscheid brachte die BT in Zugzwang, deshalb stellte sie ab 1931 ebenfalls komplett auf Strombetrieb um.

Die Eigentumsverhältnisse der Eisenbahninfrastruktur und deren Betrieb waren im Toggenburg bis vor einigen Jahren eher kompliziert. So wurde die Toggenburger Bahn 1902 verstaatlicht, indem sie fortan zu den SBB gehörte. Die BT, die Vorläuferin der heutigen Südostbahnen AG, übernahm eine immer zentralere Rolle. Während sie die Eisenbahnlinie zwischen Romanshorn und Wattwil selber baute, pachtete die BT von den SBB den Abschnitt zwischen Wattwil und Ebnat-Kappel. Die Infrastruktur zwischen Lichtensteig und Wattwil teilten sich die beiden Bahnunternehmen bis 2005, einigten sich im gleichen Jahr auf eine Bereinigung der Strukturen. So gehören heute den SBB nur noch die Strecke zwischen Wil und Lichtensteig, sämtliche andere Linien und Bahnhöfe im Toggenburg werden durch die SOB betrieben. Diese wiederum gab ihre Beteiligung am Bahnhof St. Gallen ab.

Idee einer Strassenbahn

Ideen, das Obertoggenburg verkehrstechnisch ans Bahnnetz anzubinden, seien weit älter, als die 1912 realisierte Lösung, erläutert Anton Heer. So wurde bereits in der Gründerzeit der Toggenburger Bahn die Fortsetzung der Strecke ab Ebnat-Kappel Richtung Buchs geprüft. Ein 1907 gegründetes Initiativkomitee schlug als Gegenvorschlag zur Normalspur Ebnat – Nesslau, eine elektrische Strassenbahn bis nach Unterwasser vor. Die Verlängerung der bestehenden Bahninfrastruktur bis nach Nesslau brachte dem Obertoggenburg einen starken Aufschwung, daher gab es immer wieder Überlegungen, die Eisenbahnlinie bis nach Wildhaus zu verlängern. Finanzielle Hürden, technische Probleme und insbesondere der 1914 ausgebrochene Erste Weltkrieg verhinderten die Verwirklichung dieser geplanten Vorhaben.