Seit 100 Jahren der schönste Kantonsratssaal

Der Ausserrhoder Kantonsratssaal in Herisau gehört zu den schönsten Parlamentssälen in der Schweiz. Saal und Gebäude wurden vor genau 100 Jahren, von 1912 bis 1914, erstellt; bei der Eröffnung sagte der Landammann, der Bau verkörpere «den Appenzellischen Staatsgedanken». Er ist voller politischer Symbole.

Merken
Drucken
Teilen
64 Landammänner wachen über das Geschehen im Ausserrhoder Kantonsratssaal in Herisau. (Bild: Martina Basista)

64 Landammänner wachen über das Geschehen im Ausserrhoder Kantonsratssaal in Herisau. (Bild: Martina Basista)

Der Ausserrhoder Kantonsratssaal in Herisau gehört zu den schönsten Parlamentssälen in der Schweiz. Saal und Gebäude wurden vor genau 100 Jahren, von 1912 bis 1914, erstellt; bei der Eröffnung sagte der Landammann, der Bau verkörpere «den Appenzellischen Staatsgedanken». Er ist voller politischer Symbole.

*

Weil sich die Ausserrhoder Kantonalbank schon lange mit einem Neubauvorhaben befasst hatte, stellte der Regierungsrat 1909 die Frage, «ob es nicht zweckmässig wäre, mit dem Bau eines massiven Bankgebäudes auch die Erstellung eines staatlichen Verwaltungsgebäudes zu prüfen». Seit 1877 hatte der Kanton im neuen Gemeindehaus Herisau Gastrecht genossen, beanspruchte aber immer mehr Platz. Der Kantonsrat genehmigte einen Planungskredit, verweigerte aber später – aus Angst vor einem Nein der Landsgemeinde – einen Baukredit. So führte die Kantonalbank den Bau mit dem Projekt «Hochland» von Zürcher Architekten auf eigene Kosten aus – mit dem Ostteil für die kantonale Verwaltung und dem Hauptteil für die Bank. Im November 1913 eröffnete die Bank ihren Betrieb; im Mai 1914 fand die erste Sitzung des Kantonsrats im neuen Gebäude statt. Der Kanton musste für die Benutzung seines Teils nie Miete bezahlen und erhielt 1984 das ganze Gebäude für einen symbolischen Betrag von einem Franken. Die stilvolle und sanfte Renovierung und Modernisierung des Kantonsratssaals 2004 war etwa doppelt so teuer wie der ganze Bau fast 100 Jahre zuvor.

Das «Staats- und Kantonalbankgebäude» – das heutige Regierungsgebäude – hat gegen den Obstmarkt zwei gleichwertige Eingänge: im Osten der ursprüngliche Amtseingang mit dem Wappenbär, im Westen der Eingang mit Merkurstab für die ehemaligen Bankräume. Im ersten Stock befinden sich das Regierungsratszimmer mit zwei Kommissionsräumen und gleich darüber der Kantonsratssaal. Die Gebäudeaussenwand im dritten Stock ziert ein Fries mit Szenen aus dem Volk, aus verschiedenen Berufen und der Landsgemeinde. Gebäudeaufteilung und Äusseres bringen somit zum Ausdruck: Das Parlament steht über der Regierung und über dem Parlament das Volk.

Der Kantonsratssaal beeindruckt durch seine harmonische Form und die luxuriöse Ausstattung mit Kirschbaumtäfer, Säulen, Zierelementen und Beschlägen. Zwischen allen Wänden und der abgerundeten Decke verläuft ein Fries mit den Bildern von 64 Landammännern, die ständig das Geschehen im Kantonsrat von oben betrachten. In den Fenstern sind die Wappenscheiben aller 20 Gemeinden integriert, die die Wahlkreise für die Mitglieder des Kantonsrats bilden.

Kantonsrätinnen und Kantonsräte sitzen denn auch nicht nach Parteien, sondern – einmalig in der Schweiz – nach Gemeinden geordnet, womit die Wichtigkeit der Gemeinden und ihre Autonomie augenfällig gemacht werden. Die Sitzordnung zeigt gleichzeitig auch die – im Vergleich zu andern Kantonen – geringere Bedeutung der Parteien; ein Drittel aller Mitglieder des Kantonsrats ist parteiunabhängig.

Und schliesslich: An der Decke hängen Merktafeln mit den Jahreszahlen wichtiger Schlachten und politischer Ereignisse, wie der Beitritt zur Eidgenossenschaft, die Landteilung, die Einführung des Frauenstimmrechts und die Aufhebung der Landsgemeinde sowie die Daten von Verfassungsänderungen. Bezeichnend für die Appenzeller ist die Merktafel «Jedem das Seinige».

*

In der Schweiz sind alle Parlamentssitzungen öffentlich, und für Gäste bestehen eigene Tribünen und Plätze. So auch in Herisau. Dort verfolgen gelegentlich eine Handvoll Besucher, interessierte Verwaltungsangestellte oder eine Schulklasse die Debatten. Eine grosse Attraktivität sind Parlamentssitzungen auch in Herisau offensichtlich nicht; ein Besuch aber lohnt sich schon wegen des schönen Saals. Nächste Gelegenheiten, den bald 100jährigen Jubilar kennenzulernen, sind am 29. Oktober und 26. November.

16 Jahre Leiter des Regionalstudios Ostschweiz von Radio DRS, fünf Jahre Ausserrhoder Ratschreiber (Bild: Quelle)

16 Jahre Leiter des Regionalstudios Ostschweiz von Radio DRS, fünf Jahre Ausserrhoder Ratschreiber (Bild: Quelle)