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Seht, wie die Knospen spriessen

Heute werde ich einen ehemaligen Schulkollegen im Spital besuchen.
Esther Ferrari
Bild: Esther Ferrari

Bild: Esther Ferrari

Heute werde ich einen ehemaligen Schulkollegen im Spital besuchen. Ob er sich noch an die kleine Episode erinnert, die ich, fast auf den Tag genau vor 16 Jahren, in einer Brosmete beschrieben habe? Hier ist sie nochmals, leicht geändert:

«Der März weckt Frühlingsgedanken. Während ich ein paar knospende Zweige in die Vase stelle, kommt mir das Lied in den Sinn <Seht, wie die Knospen spriessen aus jedem Zweig heraus.> Lange ist es her! Der Lehrer dirigiert mit strengem Gesicht. Den Geigenbogen hat er wie immer griffbereit in der Hand, zweckentfremdet, Geige hat er nie gespielt. Sein roter Schnurrbart, der wie ein Barometer sei-ne jeweilige Wetterlage zeigt, zittert. Wir sind die frechsten «Goofe» während seiner mehr als 40 Jahre Lehrzeit. Zur Strafe gab es keine Schulreise.

<Seht, wie die Knospen spriessen!> Wir Mädchen stupsen uns an, fangen an zu kichern. Die Buben in den hintersten Bänken, bei denen sich bei einigen bereits der Stimmbruch bemerkbar macht, verziehen ihr Gesicht zu einem Grinsen. Da ist sie, die berüchtigte zweite Strophe. <Sieh dort die Turngesellen, auch sie treibt Frühlingskraft, auch ihre Glieder schwellen, wie Reb' im Lenzessaft.> Als wir ein paar Wochen zuvor dieses Lied lernen mussten, hatte einer von uns die Bemerkung fallen lassen, dass er solches bei sich auch schon gespürt habe. Unser Gelächter geriet ausser Kontrolle. Der Lehrer aber war schockiert, seine Mo-ralbegriffe wurden durcheinandergerüttelt. Ein Wunder, dass wir nicht zwanzigmal schreiben mussten, dass hier bei den Turngesellen die Arm- und Beinmuskulatur gemeint sei und nichts anderes sonst. Jedesmal aber, wenn dieses Lied angestimmt wurde, überfiel den armen Lehrer die Unruhe und uns die Lust zu lachen. Die heutige Jugend singt andere Lieder, und die Lehrkräfte haben an-dere Sorgen, als sich Gedanken zu machen über die Unreife oder die Frühreife ihrer Schüler. Die Knospen aber spriessen noch immer auf die gleiche Art aus den Zweigen.»

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