Sehnsucht

«Es war einmal ein Prinz, weit drüben im Märchenlande. Weil der nur ein Träumer war, liebte er es sehr, auf einer Wiese nahe dem Schlosse zu liegen und träumend in den blauen Himmel zu starren. Denn auf dieser Wiese blühten die Blumen grösser und schöner wie sonstwo.

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«Es war einmal ein Prinz, weit drüben im Märchenlande. Weil der nur ein Träumer war, liebte er es sehr, auf einer Wiese nahe dem Schlosse zu liegen und träumend in den blauen Himmel zu starren. Denn auf dieser Wiese blühten die Blumen grösser und schöner wie sonstwo. Und der Prinz träumte von weissen, weissen Schlössern mit hohen Spiegelfenstern und leuchtenden Söllern. Es geschah aber, dass der alte König starb. Nun wurde der Prinz sein Nachfolger. Und der neue König stand nun oft auf den Söllern von weissen, weissen Schlössern mit hohen Spiegelfenstern. Und träumte von einer kleinen Wiese, wo die Blumen grösser und schöner blühten denn sonstwo.»

Fünf Wochen Sommerferien liegen hinter uns. Viele von uns sind ausgezogen in die nahe und in die weite Welt. Neues und Altes haben wir kennen und schätzen gelernt. Die Vielfalt der Landschaften und Kulturen. Vor allem aber die Menschen, die hier wie dort leben, arbeiten und feiern. Und vielleicht haben wir uns sogar anstecken lassen von sommerlicher Lebensfreude und haben etwas gespürt von der Leichtigkeit des Seins.

Aber wie kommen wir jetzt zurück?

Wie der Prinz in dem Märchen von Bertolt Brecht, dessen Sehnsüchte und Träume in Erfüllung gehen und der dann erfahren muss, dass er dort wieder ankommt, von wo er ausgegangen ist? Ungestillt bleibt seine Sehnsucht nach gelingendem Leben. Er ist letztendlich keinen Schritt vorangekommen.

Ach, wenn dazu all die neuen, die belebenden, die befreienden Erfahrungen in den Ferien doch auch führen mögen: Wir entdecken in der Ferne neu, was uns zu Hause Tag für Tag an Schönem umgibt. Was wir hier haben, sehen und erleben können.

Corinna Boldt

Pfarrerin in Walzenhausen