Sehhilfe auf vier sanften Pfoten

WATTWIL. Im Rahmen des mittlerweile achten Sinnesabends, organisiert von Augenoptik Ott, waren im Optikergeschäft am Mittwochabend zwei ganz seltene Besucher zu Gast. Onis und Lumas, zwei Blindenführhunde – und ihre Instruktoren.

Martina Signer
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Lumas (vorne) und Onis befinden sich noch in der Ausbildung. Sie führten die Besucher, die mit einer sogenannten Dunkelbrille ausgerüstet waren, zusammen mit Blindenführhundinstruktorin Martina Meier (ganz rechts) am Sinnesabend durch die Gegend. (Bilder: Martina Signer)

Lumas (vorne) und Onis befinden sich noch in der Ausbildung. Sie führten die Besucher, die mit einer sogenannten Dunkelbrille ausgerüstet waren, zusammen mit Blindenführhundinstruktorin Martina Meier (ganz rechts) am Sinnesabend durch die Gegend. (Bilder: Martina Signer)

Sie laufen ständig im Dunkeln oder erkennen nur Umrisse. Sie sehen keine Hindernisse, ob auf dem Boden, auf der Seite oder in der Höhe. Sie wissen auch nicht, wenn vor ihnen eine Treppe auftaucht – blinde Menschen sind ständig auf Hilfe angewiesen. Sei es auf einen Langstock oder einen Blindenführhund. Zweiteres schützt sie am effektivsten. Denn die Hunde umgehen jede Art von Hindernis und haben eine enorm intensive Ausbildung hinter sich.

Die Auswahl der künftigen Blindenführhunde beginnt schon in der siebten Lebenswoche der intelligenten Vierbeiner. Dies und noch viel mehr erfuhren die Besucher des achten Sinnesabends von Augenoptik Ott am Mittwochabend.

Kurz vorher operiert

1997 hat der gebürtige Mexikaner Jorge Moreno die Stiftung Ostschweizerische Blindenführhundschule (OBS) gegründet. Wie gross sein Engagement im Bereich Blindenführhunde ist, erfuhren die rund 40 Gäste am Sinnesabend eindrücklich. Denn der Geschäftsführer und Blindenführhundinstruktor lag einen Tag vor seinem Besuch im Optikergeschäft noch auf dem Operationstisch, um den Miniskus zu operieren. «Die Öffentlichkeitsarbeit ist eine wichtige Aufgabe», sagt er. Schliesslich wird die Stiftung nur durch Spendengelder und Gönnerbeiträge finanziert. Eine grosse Aufgabe, bedenkt man, dass ein Blindenführhund nach der Ausbildung 60 000 bis 70 000 Franken wert ist. Die IV prüft die Hunde mehrmals, bevor sie ihre Mitfinanzierung zusichert.

Pension nach rund acht Jahren

Lumas und Onis befinden sich noch in der Ausbildung und waren am Sinnesabend entsprechend mit einem Geschirr mit der Aufschrift «Azubi» gekennzeichnet. Sie sind aber beide bald soweit, die erste Prüfung unter den scharfen Augen der IV-Experten zu absolvieren. Ein zweiter Test erfolgt, sobald Jorge Moreno oder seine Mitarbeiterin und ebenfalls Instruktorin Martina Meier den passenden Menschen zum Hund gefunden haben. Erst nach intensiven Abklärungen und einigen Wochen Probezeit werden die Hunde definitiv ihrem neuen Herrchen oder Frauchen übergeben. Und dann erfolgt die Gespannprüfung. Auch medizinische Untersuchungen durch auf Blindenführhunde spezialisierte Tierärzte gehören dazu, bevor ein Tier seinem blinden Partner abgegeben wird.

Einmal pro Jahr besuchen die Instruktoren ihre Schützlinge ausserdem. Um zu überprüfen, ob die Verständigung noch klappt, ob die Befehle beim Hund ankommen und ob alles reibungslos funktioniert. So haben die Instruktoren auch die Kontrolle darüber, ob ein Hund allenfalls schon bald in Pension gehen muss – oder darf. «Das ist meist nach acht bis zehn Jahren Arbeit der Fall», sagt Moreno. Dann wird eine Anschlusslösung für die fleissigen Tiere gesucht. Diese können ganz unterschiedlicher Art sein. «Bis jetzt haben wir immer einen Platz für die Senioren gefunden.»

Freizeit auch eingeplant

Der eineinhalbjährige Labrador-Golden-Retriever-Mix Lumas und die zweijährige Königspudeldame Onis dösten während des stündigen Referats von Jorge Moreno friedlich. Sie sind darauf trainiert, auch in aussergewöhnlichen Situationen Ruhe zu bewahren. «Blinde Menschen sind in der heutigen Zeit ebenso aktiv wie jeder andere», sagt Moreno. Sie steigen in Züge, Busse, Flugzeuge, schlängeln sich durch Menschenmengen, passieren Baustellen und vieles mehr. An all diese Situationen wurden die Hunde in ihren ersten Lebensmonaten in der Patenfamilie gewöhnt. Sie lernten dort auch den Grundgehorsam. Zum Beispiel, dass man nicht im Garten buddelt oder aufs Bett seines Zweibeiners springt. Und natürlich, dass man sein Geschäft nicht im Haus verrichtet. Nach der Zeit in der Patenfamilie leben die Hunde bei ihrem Instruktor, der sie intensiv auf die bevorstehende Arbeit hin trainiert. Am Schluss können sie ihre blinden Zweibeiner zu Zebrastreifen, Ampeln, Treppen, Aufzügen oder Kreditkartenautomaten führen. Sie lassen sich nicht durch Gerüche, Geräusche, Artgenossen oder Katzen ablenken, meistern jede Alltagssituation, kennen 36 Befehle und zeigen Hindernisse in der Umgebung an, respektive umlaufen diese grossräumig. Sie erkennen dabei auch die Gefahr von Hebebühnen oder Sonnenschirmen, also Hindernissen in der Höhe, welche von einem blinden Menschen mit einem Langstock allein nicht lokalisiert werden könnten. Bei all der Arbeit kommt aber auch die Freizeit der Hunde nicht zu kurz. «Sie dürfen mit Artgenossen oder auch alleine herumtollen, wenn dies vom Menschen gestattet wird. Das ist sogar erwünscht, schliesslich sollen die Hunde die Freude am Leben nicht verlieren und sich nicht nur 24 Stunden am Tag konzentrieren.»

Die Hunde nicht ablenken

Wenn die Blindenführhunde ihr Geschirr aber tragen, sollten Passanten sie nicht bei ihrer wichtigen Aufgabe stören. Selbst wenn die Hunde noch so gerne gestreichelt werden, das lenkt das Tier zu sehr ab. Ausserdem gilt: Blindenführhunde sollten nicht gefüttert werden, und wenn möglich sollte man dem Gespann den Weg freimachen.

Zum Blindenführhund sind nicht alle Hunderassen geeignet. Am besten eignen sich mittelgrosse Rassen wie Labradore, Königspudel oder Golden Retriever. Je nach Mensch können die Charaktereigenschaften des Hundes einen wichtigen Aspekt beim Zusammenführen des künftigen Gespanns darstellen.

Weitere Informationen sowie Spendemöglichkeiten sind auf der Internetseite www.o-b-s.ch zu finden.

Jorge Moreno Geschäftsführer der Stiftung Ostschweizerische Blindenführhundschule (OBS)

Jorge Moreno Geschäftsführer der Stiftung Ostschweizerische Blindenführhundschule (OBS)