Sechs Jahre für Serieneinbrecher

Ein Rumäne wird vom Kreisgericht Toggenburg zu einer Freiheitsstrafe verurteilt, da er in der Schweiz und im Fürstentum Liechtenstein 120 Einbrüche oder Einbruchsversuche begangen hat. Gut ein Drittel der Tatorte liegt im Toggenburg.

Martin Knoepfel
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Bild: Illustration: Anina Rütsche

Bild: Illustration: Anina Rütsche

LICHTENSTEIG. Der Angeklagte, ein vierschrötiger Mann mit kurzen dunklen Haaren, betrat das Gebäude in Handschellen und Fussfesseln. Drei Polizisten begleiteten ihn. Während der Verhandlung sass er meist mit gesenktem Kopf da. Der Rumäne mit Jahrgang 1972 musste sich vorgestern vor dem Kreisgericht Toggenburg in Lichtensteig verantworten. Er habe vier Kinder, die bei seiner Mutter lebten, sagte er in der Befragung.

Einbrüche mit dem Sohn

Der Rumäne reiste von Sommer 2012 bis zur Verhaftung am 23. September 2013 fünfmal in die Schweiz (siehe Zusatztext). Hier bewunderte er aber nicht, oder nicht nur, die Landschaft, sondern brach fleissig ein. Dies zusammen mit zwei unbekannten Landsleuten und seinem 1996 geborenen Sohn, gegen den ein separates Verfahren läuft. Da der Strafantrag auf acht Jahre Freiheitsentzug lautete, tagte das Gericht in Fünferbesetzung.

Der schwerste Vorwurf in der Anklageschrift ist der des mehrfachen gewerbs- und bandenmässigen Diebstahls. Diese nennt 122 Einbruchdiebstähle oder Versuche, meist in Ferienhäuser oder Ferienwohnungen. In Stein suchten die Täter im Winter 2012/2013 15 Wohnwagen heim. Ebenfalls in Stein erbeuteten die Diebe 4400 Franken, während die Hausbewohner schiefen. Meist drangen die Täter aber in die Häuser ein, als niemand dort war.

Die Anklage nennt 20 Delikte in Stein und acht in Nesslau. In Wildhaus waren es sechs und in Alt St. Johann drei. Dazu kommen je ein Einbruch in Gams, Krummenau und Ennetbühl und je zwei Delikte in Neu St. Johann und im Ernetschwiler Teil von Ricken.

Schmuck im Ferienhaus

Weitere Delikte begingen die Täter unter anderem in den Kantonen Glarus (25), Graubünden und Schwyz (je 20). In einigen Fällen blieb es beim Versuch, da Hunde bellten oder die Täter nicht ins Haus kamen. Die Anklage beziffert den Wert der gestohlenen Gegenstände auf 243 423 Franken und den Sachschaden auf 122 385 Franken.

Neben Bargeld nahmen die Diebe Uhren, Edelmetall, Fotoapparate, eine Kaffeemaschine Notebooks und Smartphones mit. Esswaren und Getränke verschmähten sie nicht. Weiter eigneten sie sich vergoldetes Besteck, Hosen, Schaufeln, Gummistiefel oder Wanderschuhe an. Der Verbleib der Gegenstände ist unklar. Einmal stahlen die Diebe ein Auto, was als Entwendung zum Gebrauch gewertet wurde. In Versam wurden Schmuck und Uhren für fast 40 000 Franken gestohlen. Auch an einem Tatort in Alt St. Johann sowie bei einigen Einbrüchen in den Kantonen Graubünden und Schwyz lag die Deliktsumme jeweils im fünfstelligen Bereich. Teilweise handelte es sich bei den heimgesuchten Objekten um Ferienhäuser.

«Definition erfüllt»

Der Angeklagte gebe 120 Delikte zu. Bei den anderen existierten DNA-Spuren oder ein Geständnis bei der Polizei, sagte der Staatsanwalt. Gewerbsmässiger Diebstahl sei gegeben, da der Angeklagte gestanden habe, sich und seine Familie mit dem Ertrag aus den Diebstählen ernährt zu haben. Die Definition des bandenmässigen Diebstahls laut Bundesgericht sei erfüllt, wenn zwei Täter gemeinsam delinquierten, sagte der Staatsanwalt.

Unerlaubtes Eindringen in fremde Häuser erfülle den Tatbestand des Hausfriedensbruchs. Einbrüche in Privathäuser wögen dabei schwerer als Einbrüche in Büros. Da der Schaden 10 000 Franken übersteige, sei von qualifizierter Sachbeschädigung auszugehen. Als mildernden Umstand anerkannte der Staatsanwalt nur, dass der Rumäne geständig war, doch habe es in vielen Fällen ohnehin handfeste Beweise gegeben.

«Aus Verzweiflung gehandelt»

Ganz anders sah das die Verteidigerin. Sie sagte, ihr Mandant habe viele Einbrüche gestanden, die man ihm sonst nicht hätte nachweisen können. Auch müssten die Delikt- und die Schadensumme stark nach unten korrigiert werden. Sie glaube, viele Geschädigte wollten Kapital aus den Einbrüchen schlagen, sagte die Verteidigerin, die dabei auf die Aussagen ihres Mandanten abstellte. Nur zwei Geschädigte könnten belegen, dass sich die gestohlenen Waren am Tatort befunden hätten. Quittungen genügten noch nicht. Der Diebstahl der Kaffeemaschine wäre sinnlos gewesen, sagte die Anwältin, da ihr Mandant in der Schweiz im Wald geschlafen habe.

Eine Kippe mit DNA-Spuren am Tatort beweise nichts, sagte die Verteidigerin und vermutete, ein Komplize habe nach einem Streit mit dem Angeklagten den Stummel auf einem Möbel gut sichtbar plaziert. Der Angeklagte bestritt diesen Einbruch.

Meist habe ihr Mandant nur Lebensmittel gestohlen. Er habe aus Verzweiflung wegen der Perspektivlosigkeit in Rumänien gehandelt. Gewerbsmässiger Diebstahl sei nicht gegeben. Auch von bandenmässigem Diebstahl dürfe man wegen der losen Kooperation mit den beiden Unbekannten nicht sprechen, sagte die Anwältin.

Zudem sieht sie die qualifizierte Sachbeschädigung nicht als erfüllt, da ihrer Ansicht nach der Schaden im Einzelfall 10 000 Franken hätte übertreffen müssen. Sie beantragte eine Freiheitsstrafe von 24 Monaten, die angesichts der guten Führung des Rumänen im Gefängnis die baldige vorzeitige Entlassung ermöglichen würde.

Fast ein «Schulfall»

Ein Diebstahlversuch in Unterwasser und ein versuchter Einbruchdiebstahl in Wildhaus bleiben ungeklärt. Beim Delikt in Unterwasser spreche vieles für andere Täter. Beim Einbruchversuch in Wildhaus habe man nach dem Grundsatz «Im Zweifel für den Angeklagten» entschieden, sagte der Vizepräsident des Gerichts. Zudem erfolgten Freisprüche in Nebenpunkten. In den meisten Anklagepunkten sprach das Gericht den Rumänen schuldig. Die Strafe beträgt sechs Jahre Gefängnis. Es sei fast um ein «Schulfall» der Gewerbsmässigkeit, sagte der Vizepräsident des Gerichts. Da der Angeklagte bei der letzten Verurteilung in der Schweiz 50 Monate erhalten habe, sei eine höhere Strafe richtig.

Bandenmässiger Diebstahl

Das Gericht sieht auch den bandenmässigen Diebstahl als erfüllt. Bei den Einbrüchen unterschied es mehrere Serien, abhängig davon, mit welchem Komplizen der Rumäne sie verübte. Da der Sachschaden nicht in jeder Serie 10 000 Franken überstieg, war in einigen Fällen die qualifizierte und in anderen nur die die einfache Sachbeschädigung erfüllt worden.

Verfahrenskosten zahlen

Sodann muss der Rumäne, wenn er wieder Geld haben sollte, die Verfahrenskosten von insgesamt 65 054 Franken zahlen. Der Fall sei sehr aufwendig, sagte das Gericht und sprach der Verteidigerin ein höheres Honorar nach Aufwand zu als die übliche Pauschale.