«Schwimmen bedeutet Freiheit»

Der 25jährige Philipp Rammerstorfer ist seit einem Unfall einseitig gelähmt. Seiner Trainingsdisziplin und dem unbändigen Siegeswillen verdankt er, dass er heute 19facher Schweizer Meister im Schwimmen für Körperbehinderte ist.

Doris Büchel
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Jürgen, Stephan, Priska und Philipp Rammerstorfer mit Carsten Popp, Leiter der Wohngemeinschaft Stofel in Unterwasser, Schwimmtrainer Erwin Dürst und dessen Ehefrau Elsbeth (von links). (Bild: Doris Büchel)

Jürgen, Stephan, Priska und Philipp Rammerstorfer mit Carsten Popp, Leiter der Wohngemeinschaft Stofel in Unterwasser, Schwimmtrainer Erwin Dürst und dessen Ehefrau Elsbeth (von links). (Bild: Doris Büchel)

UNTERWASSER. Drei Gold- und zwei Silbermedaillen ruhen an rotweissen Bändeln auf seiner Brust und klimpern leise, als Philipp Rammerstorfer den rechten Arm zum Siegesgruss erhebt und die Faust in die Luft reckt. Alle sind in Feierlaune: Vater Jürgen, Mutter Priska, Bruder Stephan, Schwimmtrainer Erwin Dürst, Betreuer Carsten Popp und der Star des Abends, Philipp Rammerstorfer. Korken knallen in Wildhaus, wo die kleine Feier an einem lauen Samstagabend Mitte November stattfindet. Alphornklänge, Zigarren, gemeinsames Anstossen, Geschichten austauschen, scherzen, lachen. Philipp Rammerstorfer ist das Siegen gewohnt: Zusammen mit den neuen Titeln ist der 25-Jährige bereits 19facher Schweizer Meister in den Schwimmstilen Rücken und Freistil. Seinem kräftigen rechten Arm, seiner Disziplin und seinem Siegeswillen verdankt er, dass er Anfang November auch an den Schweizer Meisterschaften von PluSport im Hallenbad Chur die 50, 100 und 200 Meter Rücken am schnellsten schwamm und die Konkurrenz im Schwimmen für Körperbehinderte erneut hinter sich liess.

Zwei bis vier Titel pro Jahr

Philipp Rammerstorfer ist einseitig gelähmt. Nachdem er als Siebenjähriger nach einer Frontalkollision mit einem Auto ein schweres Schädel-Hirn-Trauma und eine Hirnblutung erlitt, hing sein Leben an einem seidenen Faden. Acht Wochen künstliches Koma, dann das Aufwachen und eine lange, schwierige Rehabilitation folgte. Sein linker Arm ist gelähmt, seine Hand kann er nicht richtig einsetzen. Dafür strotzt sein rechter Arm vor Kraft. Kein Wunder: Zweimal pro Woche fährt er selbständig mit dem Postauto ins Krafttraining, zweimal ins Schwimmtraining. Mittwoch ist sein freier Tag. Seit mehr als zehn Jahren trainiert der sportliche Mann diszipliniert, Schwimmen ist Rammerstorfers Beruf. Nach seinem Unfall musste er das Laufen neu lernen. Durch seine Skoliose, eine Verkrümmung der Wirbelsäule, begann er mit dem Schwimmen. Mit den ersten Fortschritten kam auch die Lust, sich aktiv am Schwimmsport zu beteiligen. Er war damals zwölf Jahre alt. Seit 2002 schwimmt er auf nationaler Ebene, seit 2006 gewinnt er jedes Jahr zwei bis vier Schweizer-Meister-Titel.

Grosses Ziel Olympia

Schwimmen bedeute für ihn Freiheit und Schwerelosigkeit, sagt Philipp Rammerstorfer, das Training sei der Inhalt seines Lebens. Er spricht sehr langsam und deutlich, drückt sich klar aus. Doch er möchte ernst genommen und beim Reden nicht unterbrochen werden. «Es mag mich, wenn die Leute mich wie ein Kind behandeln», sagt er und wird für einen Moment ganz ernst. Seit Ostern lebt er in der Wohngemeinschaft Stofel des Vereins Chupferhammer in Unterwasser. Hier fühlt er sich daheim, und nicht nur Philipp, sondern auch seine Familie kommen nach schwierigen Monaten wieder zur Ruhe. «Philipp hatte zuletzt viel zu kämpfen, durchlebte eine unsichere Phase, sowohl im sportlichen, wie auch im privaten Bereich», sagt der Vater, der ihn an jeden Wettkampf begleitet und im mentalen Bereich unterstützt.

Epileptische Anfälle und Spitalaufenthalte vor den Meisterschaften zwangen den Sportler zur Ruhe. Doch Philipp habe sich immer wieder gefangen, und auch das ganze Team habe gut zusammengearbeitet, was letztlich zum erneuten Erfolg geführt habe. Mit seinen Medaillen ist auch die Zuversicht wieder zurückgekehrt. Das nächste grosse Ziel: die olympischen Sommerspiele in Rio de Janeiro 2016. Bei der Olympiaqualifikation für London 2012 scheiterte Philipp Rammerstorfer noch an der hohen Limite. Seine Reaktion, nachdem er damals realisierte, dass es nicht gereicht hatte? «Rio ist sowieso viel cooler als London.»