Schwer geprüft

«Sorry, tut mir wirklich leid», sagte ich zu Simon, «ich kann nicht auf ein Bier in die Stadt kommen, muss für meine Prüfungen lernen, unbedingt.» Simon grinste und schüttelte den Kopf: «Versteh schon. Ach, Ihr armen Studenten. Was denkt Ihr Euch dabei bloss?» Ich schaute ihn fragend an.

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«Sorry, tut mir wirklich leid», sagte ich zu Simon, «ich kann nicht auf ein Bier in die Stadt kommen, muss für meine Prüfungen lernen, unbedingt.» Simon grinste und schüttelte den Kopf: «Versteh schon. Ach, Ihr armen Studenten. Was denkt Ihr Euch dabei bloss?» Ich schaute ihn fragend an. War das wieder eine von seinen fiesen Fangfragen? War's nicht. Aber eine von seinen Grundsatzfragen, die einen öfters auf dem falschen Fuss erwischen: «Beim Lernen mein ich! Bis heute versteh ich nicht, wie das gehen soll und warum man das macht.» Na bravo, da war sie auch schon: die Sinnkrise im Anmarsch. Natürlich weiss ich, wie ich mein Gehirn effizient mit Informationen abfüllen und diese an der Prüfung wieder abrufen kann. Und ich weiss auch, warum ich mir das antue – ich hab mich aus freien Stücken dazu entschieden. Aber irgendwie kam mir das alles plötzlich so steif vor, es roch nach Ernsthaftigkeit und Strebertum und verstaubten Bibliotheken. Ich fragte mich: Warum mach ich das nicht wie Simon? Der kann nämlich eine ganze Menge, auch wenn er behauptet, er wisse nicht, wie man lernt. Er tut's natürlich doch, nur ohne viel Aufhebens. Man könnte sagen, er gestaltet den Lernprozess sehr cool. Lernt Chemie und Physik, indem er Feuerwerkskörper bastelt. Oder bildet sich in Elektronik weiter, während er im Wohnzimmer eine Überwachungskamera installiert, mit der er den Spaghettitopf auf dem Herd vom Sofa aus überwachen kann. Wie immer, wenn ich nicht weiter weiss, fragte ich daraufhin Wikipedia um Rat (um Mama zu fragen, bin ich ja nun wirklich zu alt beziehungsweise ernüchtert betreffend Mamas Allwissenheit). Da stand also: «Unter Lernen versteht man den absichtlichen oder beiläufigen, individuellen oder kollektiven Erwerb von geistigen, körperlichen, sozialen Kenntnissen, Fähigkeiten und Fertigkeiten.» Diese staubtrockene Formulierung machte mir nur wenig Mut, so dass ich kurzerhand beschloss, für eine Weile vom absichtlichen Erwerb von geistigen Kenntnissen Abstand zu nehmen und vielmehr ganz beiläufig und im Kollektiv meine sozialen Fähigkeiten zu trainieren. Stellen Sie sich vor: Es hat geholfen. Corina Vuilleumier