Schwärende Wunde Fukushima

Am Samstag findet in Heiden die Verleihung des Nuclear-free Future Awards statt. Einzige Schweizer Preisträgerin ist die «WOZ»-Redaktionsleiterin und Buchautorin Susan Boos. Antworten zu Journalismus und ihren Erlebnissen in Fukushima.

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Frau Boos, am Samstag erhalten Sie in Heiden den Nuclear-free Future Award für Ihre Arbeit in Fukushima. Wie weit weg ist die Katastrophe vom 11. März 2011 für Sie persönlich?

Susan Boos: Sie ist noch immer relativ nahe – auch darum, weil ich demnächst noch einmal nach Japan reisen werde. Ich finde es interessant zu verfolgen, was so ein Ereignis mit einer Gesellschaft macht. Die Menschen in Japan stellen sich Fragen, die sich das AKW-Betreiberland Schweiz auch stellen muss: Wie gehen wir im Falle einer Katastrophe etwa mit Evakuierungen oder später mit Entschädigungsforderungen um?

Auch, wie Direktbetroffene mit der Strahlengefahr umgehen?

Susan Boos: In Japan, wie damals auch in Tschernobyl und in der Sowjetunion, erschraken die Menschen zunächst. Danach versucht die Bevölkerung, sich mit der Situation zu arrangieren. Und dann beginnt es im Hintergrund zu gären. Die Meinungsbildung in der Bevölkerung braucht länger, als man glaubt. Es ist eben nicht so, dass eine Bewegung unmittelbar aus dem Ereignis heraus entsteht. So sind die aktuellen Demonstrationen in Japan viel grösser als jene vor einem Jahr. Und die Diskussionen werden zunehmen. Jedes Mal, wenn um Fukushima ein Kind an Krebs erkrankt, werden sich deren Eltern fragen: Hat das mit der Reaktorkatastrophe zu tun? Bin ich mitschuldig? Fukushima kann man nicht mehr aus den Köpfen löschen. Solches vor Ort mitzuverfolgen, finde ich sehr spannend.

Wie weit weg ist Fukushima für unsere Gesellschaft in der Schweiz?

Susan Boos: Erstaunlich weit! Aber auch hier gilt: Man bringt Fukushima nicht mehr aus den Köpfen. Auch deshalb nicht, weil wir in den nächsten 20 Jahren regelmässig Berichte über den Rückbau lesen und hören werden. Fukushima ist eine schwärende Wunde. Fukushima lässt sich nicht heilen. Bei jeder Diskussion um die Schweizer Atomkraftwerke wird Fukushima irgendwie präsent sein.

Auch deshalb, weil Japan quasi ein westliches Land ist wie die Schweiz – mit einer ähnlichen Sicherheitskultur.

Susan Boos: Man kann nicht sagen: «So sind sie eben, die Japaner...» Zu solchem Reden neigt man in der Schweiz aber bereits. Zudem: Fukushima ist derselbe Reaktortyp wie in Mühleberg.

Wie viel Wert hat ein Preis wie die «besondere Anerkennung» Ihrer Arbeit durch die atomkritische Franz-Moll-Stiftung?

Susan Boos: Der Preis ist toll, weil er einen guten Anlass gibt, über diese Inhalte zu sprechen. Man setzt im Umfeld der Preisverleihung extrem viel daran, das Thema auf eine gute Art und Weise zu transportieren. Die Preisverleihung wird so zu einer inhaltlichen Angelegenheit.

Sie sprechen die Aktivitäten des Vereins Dunant2010plus an: das Symposium, das die Preisträgerinnen und Preisträger zu Wort kommen lässt?

Susan Boos: Genau. Das finde ich sehr spannend: Man geht an einen Ort wie Heiden, der von aussen gesehen eine heile Welt ist und wo Uranmine und Atombombe sehr weit weg sind.

Wie bewerten Sie die Ausstrahlung des Nuclear-free Future Awards (NFFA)?

Susan Boos: Der NFFA entstand aus der Bewegung gegen die Atombewaffnung heraus. In dieser politischen Diskussion stand die Schweiz abseits – weil wir keine Atomwaffen haben. Mit der Katastrophe in Fukushima im letzten Jahr erhielt das Thema aber auch für die Schweiz eine ganz andere Bedeutung. Es fallen also zwei Themen zusammen: Atomwaffen und Atomkraftwerke. Und man vergisst allzu leicht, dass die Atomindustrie ein Produkt der Atombewaffnung ist.

Mit «zwei Themen» meinen Sie die pazifistische Kritik und die Frage um die Energiezukunft?

Susan Boos: In der Geschichte der zivilen Atomnutzung ist es so, dass die USA nach dem Zweiten Weltkrieg den Bau von AKWs gezielt förderten, um einen positiven Impetus zu erhalten und die negativen Bilder der zwei Atombombenabwürfe über Hiroshima und Nagasaki aus dem Weg zu räumen.

Den Ehrenpreis des NFFA erhalten Sie für Ihre journalistische Arbeit. Was ist Ihnen in dieser Arbeit besonders wichtig?

Susan Boos: Dass man hingeht und hinschaut. Mich hat immer wieder verblüfft: Die Situation vor Ort ist anders, als man es sich zuvor aus der Distanz vorgestellt hat. Sie ist immer komplexer, es gibt Probleme, die man sich vorher gar nicht hat vorstellen können. In der ganzen Debatte um Atomkraftwerke halte ich es für das wichtigste, dass man sauber argumentiert. Sonst verkommt die Debatte zu einem unqualifizierten Schlagabtausch.

Neben Ihren Büchern zu Tschernobyl und Fukushima publizieren Sie vor allem in der Wochenzeitung «WOZ».

Susan Boos: Fast ausschliesslich, ja. Der Vorteil der «WOZ» ist, dass solche Themen angemessen Raum erhalten. Wenn man sehr komplexe Dinge erklären will, ist es hilfreich, sie in Reportagen zu verpacken, sie sind verständlicher und anschaulicher.

Wie schätzen Sie die Resonanz auf Ihre Arbeit ein?

Susan Boos: Ich bin kürzlich vom Ensi (Eidgenössisches Nuklear-Sicherheitsinspektorat, Anm. d. Red.) eingeladen worden. Das hat mich sehr gefreut, weil diese Kreise mich sonst nicht so mögen.

Sie fühlen sich ernst genommen – geht Ihr Einfluss bis in die Politik hinein?

Susan Boos: Das lässt sich nicht messen. Und das ist mir bis zu einem gewissen Grad auch egal. Als Journalistin bin ich Vermittlerin von Informationen – und der guten alten Aufklärung verpflichtet. Aber natürlich ist es eine Illusion zu glauben, als Journalistin sei ich neutral und objektiv. Darum geht es auch nicht so sehr. Wir sind unserem Handwerk verpflichtet: Es ist unser Job, mit allen Seiten zu reden – in meinem Fall eben auch mit der Betreiberfirma Tepco und nicht nur mit Betroffenen oder Anti-AKW-Organisationen. Die Politiker – oder wer auch immer Politik macht – können hoffentlich von unseren Informationen profitieren. Persönlich finde ich es wichtig, die Rollen sauber zu trennen.

Appenzell Ausserrhoden und Innerrhoden weisen einen überdurchschnittlich grossen Anteil an Atomstrom auf. Wie sehen Sie die Stromzukunft eines solchen ländlichen Gebiets?

Susan Boos: Das Appenzellerland eignet sich ausgezeichnet dafür, eine autonome, dezentrale Energieversorgung aufzubauen. Ich warne davor, etwa in Nordafrika riesige Solaranlagen zu installieren und zu glauben, man könne das Atomproblem gewissermassen auslagern. Wir profitieren selber davon, wenn wir uns unsere eigene Energieversorgung aufbauen. Die Wertschöpfung erfolgt hier; wir geraten nicht in eine neue Abhängigkeit. Das geht meiner Meinung nach Hand in Hand mit der Frage, wie viel Energie wir selber verbrauchen wollen. Das Wachstum wird an Grenzen stossen. Wenn wir unser Potenzial nutzen, stellen wir fest, dass wir insgesamt gut aufgestellt sind. Wenn wir unser Potenzial ausschöpfen, können wir uns ein qualitativ gutes Leben leisten. Und in dieser Hinsicht relativ autonom sein. Wir müssen diesen Umbau allerdings angehen, solange wir ihn uns leisten können.

Wie geht Ihr Engagement weiter?

Susan Boos: Ich dachte auch schon: Jetzt reicht es mir langsam. – Aber dann kam dieser 11. März 2011, und ich konnte das Thema Atomenergie doch nicht loslassen. Die Energie- und Ressourcenfrage ist eine existenzielle Frage unserer Gesellschaft. Dessen sind sich die wenigsten bewusst.

Interview: Guido Berlinger-Bolt