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SCHWÄGALP/LICHTENSTEIG: Ausfahrt endete beim Bilchenriet

Vor dem Kreisgericht Toggenburg wehrte sich ein Kleinbusfahrer gegen den Vorwurf der fahrlässigen Tötung. Im Mai 2015 war auf der Schwägalpstrasse ein Motorrad beim Überholen in den abbiegenden Kleinbus geprallt.
Martin Knoepfel
Der Unfall ereignete sich bei diesem Ausstellplatz auf der St. Galler Seite der Schwägalp. Ein schlichtes Holzkreuz erinnert an die verstorbene Frau. (Bild: Martin Knoepfel)

Der Unfall ereignete sich bei diesem Ausstellplatz auf der St. Galler Seite der Schwägalp. Ein schlichtes Holzkreuz erinnert an die verstorbene Frau. (Bild: Martin Knoepfel)

SCHWÄGALP/LICHTENSTEIG. Ende Mai 2015 ereignete sich auf der Schwägalpstrasse in Ennetbühl ein Unfall. Ein Motorrad prallte beim Überholen in die Seite eines nach links in einen Parkplatz abbiegenden VW Kleinbus. Der Motorradfahrer, ein 65-Jähriger St. Galler, verletzte sich, allerdings nicht lebensgefährlich. Er zog später den Strafantrag wegen fahrlässiger einfacher Körperverletzung zurück. Seine Frau, die auf dem Soziussitz gesessen hatte, wurde so schwer verletzt, dass sie im Spital starb.

Vorgestern wehrte sich der Autolenker, ein im Kanton Zürich lebender Schweizer, vor dem Kreisgericht Toggenburg in Lichtensteig gegen den Vorwurf der fahrlässigen Tötung. Vorher fand ein Augenschein am Unfallort statt. Die Strasse schlängelt sich dort in Links- und Rechtskurven bergauf. Der Angeklagte fuhr wie am Unfalltag mit dem Kleinbus mit vier Personen – Mitarbeiterinnen des Staatsanwalts und der Journalist gaben die Passagiere – bergauf und bog in den Ausstellplatz beim Bilchenriet ein.

«Blinker zu spät betätigt»

Laut Strafbefehl war der VW mit Tempo 30 bis 40 unterwegs. Rascher gehe es auf der Steigung nicht, sagte der Lenker in der Befragung. Hinter dem VW folgten am Unfalltag zwei Autos. Um sie überholen zu lassen und da er einen Ausstellplatz rechts verpasst hatte, wollte der Angeklagte den Ausstellplatz links ansteuern. Etwa 25 Meter vor der Einfahrt betätigte er den Blinker und schaute in den Seitenspiegel sowie über die linke Schulter.

In diesem Moment überholte das Motorrad die Autos hinter dem VW. Als dieser abbog, prallte das Motorrad in die Seite des Autos. Für den Staatsanwalt war der Unfall vorhersehbar und vermeidbar. Im Kreisgericht beantragte der Staatsanwalt eine bedingte Geldstrafe von 90 Tagessätzen à 110 Franken bei zwei Jahren Probezeit sowie eine Busse von 2000 Franken als Strafe für den Autofahrer. «Der Motorradfahrer hatte keine Chance, den Unfall zu vermeiden. Der Beschuldigte hat den Blinker viel zu spät betätigt und ist sofort abgebogen», sagte der Staatsanwalt. Das hätten drei Zeugen bestätigt. Es gebe keine Hinweise, dass sie den Lenker fälschlich belasteten.

Der Beschuldigte hat laut Anklage in der ersten Befragung ausgesagt, den Blinker 20 bis 30 Meter vor dem Abbiegen betätigt zu haben. Beim zweiten Mal seien es 50 Meter gewesen, sagte der Staatsanwalt. In der zweiten Einvernahme habe der Beschuldigte gesagt, dass er den zweiten Kontrollblick über die Schulter gemacht habe. Der Staatsanwalt wertet die späteren Aussagen als Schutzbehauptungen. Das Verhalten des Motorradfahrers sei nicht so waghalsig gewesen, dass der Kausalzusammenhang unterbrochen worden sei.

Seine Aussage am Unfallort sei falsch festgehalten. Er habe das Protokoll wegen der «Sauschrift» nicht gut lesen können. So erklärte der VW-Fahrer Widersprüche in den Aussagen der beiden Befragungen. Das erste Protokoll sei gut lesbar, sagte der Richter. Nach einigem Überlegen und dem Blick zum Anwalt bekräftigte der Beschuldigte in der Befragung, dass er vor dem Abbiegen einen zweiten Blick über die Schulter getan habe. Das Motorrad habe er nicht gesehen, sagte er. Er sei sicher, den Blinker mindestens drei Sekunden vor dem Abbiegen betätigt zu zu haben.

«Man darf dort nicht überholen»

Der Verteidiger sagte, das unvorsichtige Überholmanöver des Motorradfahrers habe die Kausalkette unterbrochen und beantragte einen Freispruch. Die Anklage stützte sich auf die widersprüchliche Aussage eines Zeugen und ignoriere die entlastenden Aussagen dreier Zeugen, sagte der Anwalt, der sehr oft mit dem Grundsatz «Im Zweifel für den Angeklagten» argumentierte. Der Anwalt gab sich auch schockiert, wie unübersichtlich der Unfallort, eine Doppel-S- Kurve, sei. «Man darf dort nicht überholen, und schon gar nicht mehrere Autos aufs Mal», sagte er. Der Motorradfahrer hätte den Unfall durch Verzicht aufs Überholen vermeiden können.

Da das Motorrad in der Kurve schräg gefahren sei und da die B-Säule des VW einen toten Winkel schaffe, habe sein Mandant das Motorrad nicht sehen können. Das Gutachten zum Unfall interpretierte der Verteidiger so, dass der Kleinbus mit 13 und das Motorrad mit 69 Kilometern fuhren. Sein Mandant habe den Blinker betätigt und erwarten dürfen, nicht überholt zu werden. Wer abbiege, müsse dem Gegenverkehr den Vortritt lassen und auf den Gegenverkehr achten. Ein Fahrzeug, das links abbiege, dürfe man nicht überholen, sagte der Verteidiger und nannte einen Bundesgerichtsentscheid als Begründung dafür, dass der zweite Kontrollblick, den sein Mandant getan habe, gar nicht nötig gewesen wäre.

Dem widersprach der Staatsanwalt. Im Fall, den das Bundesgericht beurteilte, habe der Lenker des abbiegenden Autos den Blinker 100 Meter vor dem Abbiegen gesetzt, sagte er. Man dürfe auch nicht aus dem Gutachten die tiefstmögliche Geschwindigkeit des Kleinbusses und die höchstmögliche des Motorrads nehmen. Das Urteil wird später schriftlich verkündet.

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