Schulreform ohne Bürger

Die Arbeitsgruppe Schule der Lesegesellschaft Aussertobel übt zum Teil heftige Kritik bei der Wahl des Schulmodells in der Oberstufe in Wolfhalden. Der Gemeinderat habe die Bürger nicht involviert. Zudem stellt sie die Nachhaltigkeit des Altersdurchmischten Lernens in Frage.

David Scarano
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WOLFHALDEN. Mitte März gab der Ausserrhoder Regierungsrat grünes Licht: An einer Pressekonferenz orientierte Bildungsdirektor Rolf Degen über die Zulassung von kleinen Sekundarschulen im Kanton. Mit Interesse verfolgte die Arbeitsgruppe Schule und Bildung der Lesegesellschaft Aussertobel in Wolfhalden den Entscheid. Ihre Gemeinde gehört zu jenen dreien, die, um den eigenen Sek-Standort der Oberstufe zu retten, 2014 auf das sogenannte Altersdurchmischte Lernen (ADL) setzen.

Lehrer entscheidend

Ende 2012 hatte die LG Aussertobel den im Raum stehenden Entscheid in einem Leserbrief in der Appenzeller Zeitung zunächst heftig kritisiert. Rund vier Monate später hat die siebenköpfige Arbeitsgruppe die Meinung geändert. Wie der Regierungsrat macht auch sie die Qualität der Schulen nicht mehr von der Grösse abhängig. Oder wie es Doris Spirgi, Mitglied der Arbeitsgruppe, formuliert: «Eine gute Schule ist nicht vom Modell abhängig, sondern von engagierten Lehrern sowie dem Umfeld.»

Kritik bleibt

Trotzdem: Die Arbeitsgruppe ist unzufrieden mit der Modellwahl. Sie bemängelt gleich mehrere Punkte. So stand ihrer Meinung nach nicht das Wohl des Kindes an erster Stelle. «Nicht nur Wolfhalden, auch anderen Gemeinden geht es nur um den eigenen Standortvorteil», sagen Stephan Wüthrich, Kantonsrat, und die anderen Mitglieder der Arbeitsgruppe. Ein weiterer Kritikpunkt: die fehlende Legitimierung. «Die Bürger wurden beim Prozess nicht mitgenommen», sagt Astrid Schantong, die in der Arbeitsgruppe die Eltern vertritt. Der Gemeinderat habe zu spärlich informiert. In Wolfhalden wurden die Bürger nur einmal, an der Budgetorientierung, über die Absichten aufgeklärt. Bereits einen Monat später gab der Gemeinderat bekannt, dass er sich für das Altersdurchmischte Lernen ausgesprochen hatte. «Die Bürger haben sich gar nicht einbringen können», sagt Maggie Frei, Präsidentin der Lesegesellschaft.

Schule geht alle an

Für die Arbeitsgruppe wäre eine breit abgestützte Findung aus mehreren Gründen angebracht gewesen. Nicht nur gehe die Bildung alle Bürger etwas an. Sie sagt zudem, das Ressort Schule mache über 50 Prozent der gesamten Aufwendungen im Gemeindebudget aus. Dies ist nicht zuletzt eine Folge der im Schulgesetz festgeschriebenen Aufgabenteilung. Der Kanton legt die Vorgaben für 75 Prozent der Schulausgaben der Gemeinden fest, die Gemeinden zahlen. «Wie man die Zukunft der Oberstufe gestaltet, hat starken Einfluss auf die Kostenentwicklung», so Hansjörg Nagel. Er rechnet die «ungesunde Entwicklung» vor. In den letzten 20 Jahren sind die Kosten trotz gleichbleibender Schülerzahlen bei einer Teuerung von 15 Prozent um 65 Prozent gestiegen.

Teurer wegen ADL?

Dieser Trend wird weitergehen, so die Arbeitsgruppe. Sie ist überzeugt, dass das ADL nicht zu einer günstigeren Schule führen werde, obwohl dieses Modell vom Schulpräsidenten eigentlich so angepriesen wurde: «Die Kosten werden weiter steigen.» Die Arbeitsgruppe beruft sich auf Vergleichszahlen mit der Gemeinde Kemmental im Thurgau. Die Oberstufe ist dort ähnlich gross wie in Wolfhalden und wird bereits altersdurchmischt geführt. «Die Thurgauer Schule kostet rund 40 Prozent mehr», so Hansjörg Nagel. Die Mehrkosten stammen aus einem erhöhten Lehrkräftebedarf, da für eine angemessene Förderung in jahrgangsübergreifenden Klassen mehr Personal benötigt werde.

Der Kostenanstieg ist für die Arbeitsgruppe doppelt stossend: «Erstens verfügt Wolfhalden trotz guter Steuerkraft bereits über einen überdurchschnittlichen hohen Steuerfuss. Zweitens kommt wegen rückläufiger Finanzausgleich- und Nationalbankbeiträgen ein strukturelles Defizit in Höhe von 12 Mio. Franken auf den Kanton zu, was auch in den Gemeinden zu Steuererhöhungen führen dürfte. Wir müssen sparen», so Stephan Wüthrich.

Zusammenspannen und sparen

Für die Arbeitsgruppe hätten die finanziellen Folgen der Modellvarianten zwingend öffentlich diskutiert werden müssen. Die Aussertobler sind überzeugt, dass bei einer Zusammenarbeit mit anderen Gemeinden nicht nur eine gute, zukunftsfähige Schule mit breiten Angebot entstanden wäre, sondern auch die Kosten zurückgegangen wären. «Bei einer Zusammenarbeit mit den Nachbarn könnte Wolfhalden allein die Steuern um 0,3 Einheiten senken», sagt Hansjörg Nagel.

«Sek A.ü.B.? Nur Gerede»

Stossend ist für die Arbeitsgruppe auch, dass der Gemeinderat zwar öffentlich über eine mögliche gemeinsame Vorderländer Oberstufe sprach (Stichwort «Sek A.ü.B»), in Tat und Wahrheit jedoch keine ernsthaften Verhandlungen aufgenommen worden seien. «Das Gerede war nur ein Ablenkungsmanöver. Es bestand zu keinem Zeitpunkt ernsthaftes Interesse an einer Zusammenarbeit», sagt Jürg Messmer, alt Kantonsrat und ebenfalls Mitglied der Arbeitsgruppe.

Bauboom ohne Folgen?

In diesem Zusammenhang stellen die Mitglieder die Frage nach der Nachhaltigkeit des Altersdurchmischten Lernens. Im Dorf soll viel gebaut werden. Das Regierungsprogramm setze auf Wachstum. Wachsende Schülerzahlen seien bei dieser Ausgangslage nicht abwegig. «Was passiert dann? Hat man dann vergebens Energie und Geld in das ADL investiert?», so Simone Wüthrich. Gemäss Prognosen des Kantons wird die Oberstufe Wolfhalden 2019 die Talsohle erreichen und nur noch über 62 Schüler verfügen. 2017 läuft bereits der Vertrag mit der Gemeinde Grub aus, die ihre Kinder ebenfalls nach Wolfhalden schicken.

Theoretisch könnten die Gruber wechseln, da auch Heiden auf der Suche nach Kooperationen ist, um ihren Standort in ähnlicher Weise fortführen zu können. «Auch dieses Szenario wurde nicht öffentlich diskutiert», so Jürg Messmer.

«Auf die Finger schauen»

Der Entscheid der Gemeinde ist gefallen, der Regierungsrat hat grünes Licht gegeben. Die Arbeitsgruppe löst sich aber trotzdem nicht auf. «Wir werden dem Gemeinderat bei der weiteren Umsetzung auf die Finger schauen», sagt Maggie Frey, Präsidentin der Lesegesellschaft Aussertobel.

Am Samstag, 28. April, 9 bis 12 Uhr, findet in der Aula des Oberstufenschulhauses eine Infoveranstaltung mit Vorträgen und Podiumsdiskussion über die Zukunft der Sek Wolfhalden statt.

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