Schon 30 Jahre am Pilze sammeln

MOSNANG. In Mosnang ist er bekannt unter dem Namen «Pilzmannli». Und dies kommt nicht von ungefähr. Wenn jemand nicht weiss, auf welche Pilzsorte er beim Wandern gestossen ist, welche Art essbar, welche ungeniessbar oder sogar giftig ist, ist man bei Köbi Brändle genau richtig.

Martina Signer
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Freudig präsentiert «Pilzmannli» Köbi Brändle einen Eierschwamm von enormem Ausmass. (Bilder: Martina Signer)

Freudig präsentiert «Pilzmannli» Köbi Brändle einen Eierschwamm von enormem Ausmass. (Bilder: Martina Signer)

«Da, ganz viele Hallimasch!», ruft Köbi Brändle urplötzlich und deutet aus dem Fenster seines kompakten Autos mit Allradantrieb. Den braucht er für sein Hobby auch. Der unebene und steinige Weg in Richtung Engelschwand in Libingen liesse sich mit einem Vorderradantrieb wohl kaum bezwingen. Immer tiefer fährt Köbi Brändle in den Wald. «Es ist halt schon etwas spät in der Saison. Aber vielleicht finden wir noch etwas.» Mit diesem Etwas meint Köbi Brändle Pilze. Am besten essbare. «Aber eigentlich sind alle schön. Zum Anschauen.»

Immer zum Ende der Saison

Kaum in der Engelschwand angekommen und ausgestiegen kniet sich Köbi Brändle in die vom Morgentau feuchte Wiese. «Er geht ja bei jedem Wetter. Manchmal sieht er vielleicht aus, wenn er nach Hause kommt», sagt seine Frau Lidia Brändle schmunzelnd. Stehend vor Dreck, stellt man sich vor. Denn Köbi Brändle legt sich auch mal hin, um unter einen Pilz zu schauen, bevor er ihn pflückt. «Meist wird erst dann ersichtlich, was für einer es ist.» Dieses Mal hat er Glück. Es ist ein Maronenröhrling. Ein delikater Pilz, wenn er noch frisch ist. Er holt sein Schweizer Messer aus dem Sack und schneidet den Pilz in zwei Hälften. «Der ist perfekt», freut er sich und stopft den Fund in seine grüne Stofftasche, wo er noch eine Weile alleine liegen bleiben wird. Denn die Pilzsaison ist schon bald vorbei. «Mitte Juli bis Mitte Oktober etwa, findet man immer was. Vielleicht finden wir noch einen violetten Rötelritterling. Der Pilz läutet immer in etwa das Ende der Saison ein.» Und tatsächlich dauert es keine halbe Stunde mehr, bis der erste dieser Boten auftaucht. Köbi Brändle frohlockt beinah: «Was hab ich gesagt! Der kommt immer zum Ende der Saison.» Er lässt ihn und einige seiner Artgenossen aber links liegen. «Für ein Mischgericht mag der gut sein, aber mir schmeckt er zu süsslich.» Weiter geht es. Immer höher hinauf, durch Dreck und nasse Wiesen, vorbei an Birken, Tannen und Buchen. Das «Pilzmannli» weiss genau, in der Nähe welcher Bäume er die schmackhaftesten Pilze findet. «Die Symbiose muss stimmen», sagt er immer wieder. Jeder Pilz hat andere Vorlieben. Nass oder trocken, Birke oder Buche in der Nähe, Wiese oder Wald. Die richtige Mischung macht es aus.

Keine einzige Herbsttrompete

«Einen solch extremen Unterschied zweier Pilzjahre habe ich in 30 Jahren noch nicht erlebt», sagt er. Während der Sommer 2014 sehr nass war, war dieser Sommer beinahe zu trocken für einige Pilzarten. «Dieses Jahr habe ich dafür eine Unmenge an Wiesenchampignons gefunden.» Die mögen es trocken. Herbsttrompeten gab es dieses Jahr noch kein Stück. «Noch kein Stück», unterstreicht er. «Aber der Hallimasch. Oh ja. Von dem habe ich gleich hinter meinem Haus eine ganz wunderschöne Truppe gefunden.» Hinter dem Haus an der Grütliwiese 3, wo so manch ein Pilzsammler ein und aus gegangen ist. «Wenn ich zu Hause bin, schaue ich mir immer gerne Pilze an. Ein offizieller Kontrolleur, das bin ich nicht, nein. Aber ich kenne mich schon etwas aus.»

Köbi Brändle bückt sich alle paar Meter, hebt Pilze vom Boden auf, die der Laie mit blossem Auge schnell übersieht. Da ein Mehlräsling, dort ein Ledertäubling. Einige Meter weiter eine Ansammlung an grünblättrigen Schwefelköpfen. Und endlich, endlich, findet seine Begleitung auch einen vielversprechenden Pilz. Es ist ein nebelgrauer Trichterling, wie Köbi Brändle aufklärt. «Fort mit dem!», ruft er aus und wirft das Fundstück in hohem Bogen in den Wald. «Der war zwar essbar, aber nicht mehr gut.» Und schon hastet er weiter. Immer höher und noch höher. «Sind wir nicht schon bald bei der Chrüzegg?» «Noch lange nicht, eher im Schwämmli», lautet die Antwort. Und weiter geht's. Ohne Rast und ohne Pause hastet Köbi Brändle immer höher, die Augen meist am Boden, mal schweift sein Blick aber in die Ferne und da! «Da, da ist etwas», ruft er. Ganz weit hinten am Horizont schimmert ein riesengrosser Pilz. Ein essbarer, ein Riesenschirmling. «Ich laufe rasch zurück und hole ihn», sagt er und läuft in seinen robusten Wanderschuhen in grossen Schritten zum Pilz. Kaum zurück zückt er wieder sein Messer und freut sich strahlend über die Qualität. «Den kann man anbraten wie ein Kalbsplätzli.» Seine Freude ist ansteckend. Doch noch liegt der Fund des Tages nicht im grünen Stoffbeutel. Nein, dieser Fund wartet seelenruhig fast unsichtbar versteckt unter etwas Moos.

«Man weiss nie, was man findet»

Je länger die Wanderung in der Engelschwand dauert, desto deutlicher wird, warum Köbi Brändles Faszination für das Pilzesammeln nach 30 Jahren immer noch ungebrochen ist. «Man weiss nie, was man findet. Das macht den Reiz aus.» Und spektakuläre Funde belohnen auch lange Durststrecken. So hat er erst kürzlich einen Pilz gefunden über den er sagt: «So etwas findet man nur einmal im Leben.» In der Küche hängt ein Bild davon und in der Zeitung ist auch bereits eines erschienen. Ein über 500 Gramm schwerer Steinpilz mit drei Stielen.

Einige schuppige Porlinge und sparrige Schüpplinge später, die Begleitperson ist schon ziemlich ausser Atem, und die Turnschuhe werden von der Nässe immer schwerer, sagt Köbi Brändle: «Dort oben gehen wir dann nach links.» «Dort oben» ist die Freude gross. Denn Köbi Brändle findet einen mächtigen Eierschwamm. Eierschwämmli trifft hier nicht mehr zu. Das ist er, der Fund des Tages. Zumindest, was die Grösse angeht. «Wenn ich jetzt noch eine Herbsttrompete finde. Das wäre toll.»

Ungeniessbarer Spei-Täubling

Zurück beim Auto hat er die Herbstrompete noch nicht gefunden. Es sind drei Stunden vergangen. Doch er wird sie noch finden. Ein paar hundert Meter weiter. Und ebenfalls Dutzende duftender Leistlinge. Seine Lieblingspilze. Wo, das bleibt ein Geheimnis. Und zum Schluss wurde auch noch die Begleitperson verschaukelt. «Hier, nimm das in den Mund und kaue etwas drauf rum. Aber nicht schlucken!» Gesagt, getan. Spuckend und mit scharfem Brennen im Mund sieht sich die Person einem vor Schadenfreude laut lachenden Köbi Brändle gegenüber, dem man aber nicht lange böse sein kann. Es war ein kirschroter Spei-Täubling, der seinem Namen alle Ehre macht. Wer auf ihm rumkaut, speit ihn nämlich sofort wieder aus.

Erster Fund: Ein Maronenröhrling.

Erster Fund: Ein Maronenröhrling.

Hübsch anzusehen, aber giftig: Fliegenpilz.

Hübsch anzusehen, aber giftig: Fliegenpilz.

Eine ganze Gruppe dunkler Hallimasche.

Eine ganze Gruppe dunkler Hallimasche.

Der duftende Leistling, Brändles Lieblingspilz.

Der duftende Leistling, Brändles Lieblingspilz.

Die Ausbeute aus knapp dreieinhalb Stunden Pilzsuche kann sich zu dieser Jahreszeit sehen lassen.

Die Ausbeute aus knapp dreieinhalb Stunden Pilzsuche kann sich zu dieser Jahreszeit sehen lassen.

Endlich gefunden! Die Herbsttrompete.

Endlich gefunden! Die Herbsttrompete.

Ein Blick ins Pilzbuch ist für Köbi Brändle eigentlich nur selten nötig.

Ein Blick ins Pilzbuch ist für Köbi Brändle eigentlich nur selten nötig.