Schönheit ist messbar

Ob eine Kuh schöne geschwungene Hörner oder liebevolle Augen hat, ist für ihre Wirtschaftlichkeit gänzlich irrelevant. Denn Wirtschaftlichkeit ist es, was für den Landwirt an vorderster Stelle steht. Ob eine Kuh im Laufe ihres Lebens viel und konstant Milch gibt, entscheidet ihr Körperbau.

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An der Viehschau wird nichts dem Zufall überlassen. Die Positionierung der schönsten Kühe im Ring – ja, bloss schon wie sie auf den Platz geführt werden, ist genau so durchdacht, wie der Kommentar, den der Schauexperte für ein Tier findet. Immer positiv, immer lobend. «Nuancen!», ruft der Experte gern, es seien Nuancen, die Kuh eins und Kuh zwei voneinander unterscheiden, und Kuh eins letzten Endes bevorzugen und sie zur Miss des Platzes küren. Das sei nicht übertrieben, erzählt Verbandsexperte Emil Alder, der einen Landwirtschaftsbetrieb im Waldschwil bei Wattwil besitzt: «Manchmal sind die Tiere einfach extrem schön und zwei obendrein noch fast gleich schön.»

«Masochistisch»

An acht bis neun Schauen in den Kantonen Appenzell Innerrhoden und Ausserrhoden, St. Gallen sowie im Fürstentum Liechtenstein ist er jedes Jahr als Experte auf dem Platz. In kürzester Zeit muss er etliche Kühe beurteilen – und sein Urteil später gegenüber den Züchtern und dem Publikum begründen. «Die Arbeit hat einen Hauch Masochismus», erzählt Emil Alder grinsend, «glücklich macht man eigentlich nur jene, die gewinnen.» Doch er mache die Arbeit gerne und das doch schon seit fast 12 Jahren. Dass er sie offenbar auch gut macht, zeigt der hohe Durchschnitt der Noten, mit welcher der Experte von den Organisatoren der Schauen jeweils bewertet wird – mit welchem sich der bescheidene Landwirt jedoch nicht rühmt.

Ertrag durch Zucht

Er selbst ist nicht so Schau-versessen, wie andere Züchter. Und doch: «Ich gehe immer gerne an die Gemeindeviehschau nach Wattwil.» Für alle Teilnehmenden ist dieser Tag im Jahr von grosser Bedeutung: Er bringt im Falle von guten Bewertungen des eigenen Viehs Bestätigung für die Arbeit. «Braunvieh züchten ist eine Lebensaufgabe», weiss Emil Alder. Denn eine optimale Zucht verheisst auch Wirtschaftlichkeit. Stimmen an einer Kuh die für die Milchproduktion benötigten Körperteile und Organe, bringt sie dem Landwirt Gewinn. Bis zum Tag, da sie erstmals Milch gibt, hat eine Kuh beziehungsweise ein Rind dem Züchter nur Kosten verursacht. «Schönheit im Sinne des züchterischen Denkens ist somit Wirtschaftlichkeit. Ziel eines Züchters ist es, dass sein Tier eine hohe Lebensleistung erreicht», bringt es Emil Alder auf den Punkt. Womit es auch das Ziel eines Schauexperten ist, anhand des Exterieurs einer Kuh zu beurteilen, wie wirtschaftlich das Tier ist – oder sein könnte, denn ob aus einem perfekten Euter auch richtig viel Milch fliesst, weiss der Experte trotz aller Theorie und Know-how vom blossen Ansehen nicht. «Das ist die schwierige Gratwanderung an meiner Arbeit. Es mag ja sein, das die genetischen äusserlichen Aspekte geradezu perfekt sind, die Kuh aber trotzdem keine 18 Liter Milch am Tag gibt.»

Wonach die Kühe bewertet werden, regeln die Richtlinien des Schweizerischen Braunviehzuchtverbandes. Fünf Positionen am Exterieur sind es, die sich der Experte genau ansieht: Der Rahmen, das Becken, das Fundament, das Euter und die Zitzen. Dass sich manche Richtlinien im Laufe der Zeit ändern, zeigt das Beispiel der Zitzen. Früher war es von Bedeutung, dass diese der Melkbarkeit dienen. Heute, da nicht mehr von Hand, sondern mit Maschinen oder Robotern

gearbeitet wird, ist die Länge der Zitzen nicht mehr so relevant.

Veränderliche Gewichtung

Ausserdem nimmt auch die Bedeutung einzelner zu beurteilender Punkte mit dem Alter einer Kuh ab. Das Euter einer älteren Kuh ist wohl nicht mehr so straff aufgehängt wie das einer jungen – doch es hat zwischenzeitlich sehr viel Milch abgegeben. Auch der Rücken oder das Becken einer Kuh verändert sich im Laufe der Zeit und mit jedem Mal Abkalben. Deshalb werden die Tiere an den Schauen in verschiedene Kategorien eingeteilt: nach Laktationen (Milchabgaben nach einer Geburt).

Und da gibt es noch weitere Unterschiede, auf die der Schauexperte während der Bewertung achten muss. Zum Beispiel, ob eine Kuh galt (trocken, kurz vor dem Abkalben, weshalb sie keine Milch mehr gibt) ist. «Kühe, die den Sommer auf der Alp verbringen, sind während der Viehschausaison vielfach trocken und das Euter ist nicht so prall wie das einer Kuh, die täglich zweimal gemolken wird», führt Emil Alder aus. Diesem Umstand gelte es, Rechnung zu tragen und das Euter entsprechend zu bewerten.

Und dann gibt es immer noch die kleinen Tricks, die Züchter anwenden, um ihr Tier an der Schau von seiner besten Seite zu präsentieren. Zum Beispiel die Rasur, um die Feinheiten des Körperbaus besser zu betonen. «Warum nicht der Schönheit etwas nachhelfen?», findet Emil Alder, «eine Frau reisst man auch nicht aus dem Bett und stellt sie dann direkt auf die Bühne, wo sie an der Miss-Wahl teilnimmt.» Ein häufig angewandtes Mittel sei ausserdem das «12-Stunden-Euter», erklärt der Fachmann. Hierbei werden die Kühe anstatt wie üblich am frühen Morgen, noch früher, nämlich rund 12 Stunden vor der Bewertung durch den Experten, gemolken. Dies, damit sie zum Zeitpunkt der Bewertung ein volles Euter hat. An grossen Schauen – einer regionalen oder einer nationalen – komme dies häufig vor, weshalb in der Nähe des Schauplatzes ein Melkbereich eingerichtet wird. «An den Gemeindeschauen wird zum Glück nicht derart übertrieben», weiss Emil Alder. An diesen Schauen nämlich gehe es vielen Züchtern vordergründig ums Leben eines Brauchtums, das Treffen mit Gleichgesinnten und das Weitergeben einer Tradition an die jüngere Generation. Gerade die sennische Auffahrt an die Schau werde geschätzt: «Wer nicht z'Alp geht im Sommer, also keine Möglichkeit hat, sennisch zu fahren, kann das an der Viehschau machen», so der Wattwiler Landwirt.

Akzeptanz für die Viehzucht

Nicht zuletzt spielt auch die Öffentlichkeitsarbeit an den Gemeindeviehschauen eine Rolle. In Wattwil etwa, da werden Schülerinnen und Schüler eingeladen, sich an der Schau einzubringen oder «Denk an mich» führt einen Verkaufsstand in der Markthalle. Das bringt automatisch ein breites Publikum an die Schau. «Ziel davon ist es, den Leuten das Brauchtum näher zu bringen und die Akzeptanz zu erhöhen», so Emil Alder. So nehmen sie künftig den «Blötter» auf den Strassen vielleicht etwas gelassener.

Olivia Hug