Schluss mit Wildwuchs und Willkür

Wer sich in familienergänzender Kinderbetreuung im vorschulischen Bereich engagiert, tut dies freiwillig und gratis. Einheitliche Strukturen gibt es nicht, die Finanzen hängen vom Goodwill der Gemeinden ab. Von Monika Egli

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Wenn es um Kinderbetreuung im Vorschulalter geht, herrschen Wildwuchs und Willkür: Vorstände von Kindertagesstätten oder vom Tageselternverein müssen sich alleine durch einen Dschungel von Vorschriften und Gesuchen durchwursteln. Es gibt keine kantonalen Richtlinien, weil es keine kantonale Gesetzgebung gibt und lediglich Bundesrecht umgesetzt wird. Die Gemeinden wiederum pochen auf ihre Hoheit. Die einen sind durchaus bereit, kostendeckende Beiträge zu leisten, andere stellen sich auf den Standpunkt, Kitas seien nicht nötig und sie hätten kein Geld, diese zu unterstützen. Mit anderen Worten: Alle Gemeinden sind zwar auf Zuzüger und deren Steuergeld angewiesen, einige foutieren sich aber darum, wie ihre Einwohnerinnen Beruf und Familie unter einen Hut bringen. Das ist unverständlich. Junge Kita-Mitarbeiterinnen mit sowieso schon tiefen Löhnen müssen auf eine Gratifikation verzichten, von einem 13. Monatslohn wagen sie nicht einmal zu träumen. Das ist empörend.

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Der Kanton, der unbedingt wachsen sollte, und zwar in erster Linie mit Familien, kümmert sich nicht um vorschulische Betreuungsstätten, weil ihn kein Gesetz dazu zwingt. Er leistet sich zwar ein Amt für Gesellschaft, dieses hat aber nur einen Förderauftrag. Das Amt kann Mithilfe zum Beispiel bei der Vernetzung anbieten; das tönt nicht besonders effektiv. Immerhin hat es mit seinen – wie geklagt wird – knappen finanziellen und personellen Ressourcen ein schönes Strategiepapier erarbeitet; dieses nützt den Personen an der Kita-Front aber gar nichts. Die kantonale Wirtschaftsförderung oder eine Institution wie «Appenzellerland über dem Bodensee» wiederum fühlt sich nicht zuständig, obwohl Kinderbetreuung mit Wirtschaftsinteressen und Einwohnerzahlen eng verbandelt ist.

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Kann dies alles tatsächlich sein? Es kann – es ist so, hier in Appenzell Ausserrhoden, dem an Einwohnern schwächelnden Altersheim der Zukunft. Einmal mehr wird eine Aufgabe, die längst in die öffentliche Hand oder wenigstens angemessen von ihr unterstützt gehört, auf Freiwillige abgeschoben – vor allem auf freiwillig arbeitende Frauen. Das ist inakzeptabel. Kindertagesstätten sind doch keine Einrichtung für Frauen, die sich zum Vergnügen ein paar freie Stunden gönnen wollen! Sie sind bare Notwendigkeit. Mit dem baldigen Übertritt der Babyboomer ins Pensionsalter wird die Mitarbeit von Frauen je länger je mehr zur puren Notwendigkeit für die Wirtschaft. Und dass viele Frauen wegen des privaten Haushaltsbudgets mitarbeiten müssen, wird sich auch in Zukunft kaum ändern. Sich einfach darauf verlassen, dass Grossmütter als Babysitterinnen einspringen, auch sie freiwillig und gratis natürlich, kann keine Strategie mehr sein. Grossmütter von heute sind selber am Arbeiten oder wollen sich keine Verpflichtungen mehr aufhalsen, die sie in ihrer Selbständigkeit einschränken.

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Die Politik ist gefordert, dem Wildwuchs ein Ende zu bereiten, für einheitliche Strukturen zu sorgen, Geld zur Verfügung zu stellen – Sparpaket hin oder her.

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