Schlagabtausch zu Migros-Projekt

Ende November wird über die Planungsgrundlagen für den Migros-Neubau in Herisau abgestimmt. Die Ausserrhoder Heimatschutzpräsidentin Eva Louis und Peter Diethelm, Geschäftsleiter der Migros Ostschweiz, kreuzen die Klingen.

Roger Fuchs
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So soll die neue Migros in Herisau gemäss Planungen aussehen. (Bild: Visualisierung: pd)

So soll die neue Migros in Herisau gemäss Planungen aussehen. (Bild: Visualisierung: pd)

Herr Diethelm, warum will die Migros in Herisau bauen?

Peter Diethelm: Der heutige Bau ist 43 Jahre alt und hat erhebliche bauliche Mängel, die eine klassische Renovation nicht zulassen. Ausserdem haben wir viel zu wenig Platz für ein ansprechendes Angebot.

Wann schliesst die Migros im Zentrum?

Diethelm: Wir wollen diesen Standort so lange betreiben, bis die Alternativstandorte in der Walke und an der Alpsteinstrasse bereitstehen. An der Alpsteinstrasse wird im Frühsommer Eröffnung sein, in der Walke wird es sicher Herbst.

Eva Louis, wie erleben Sie die heutige Migros im Zentrum?

Eva Louis: In mir schlagen zwei Herzen. Die Migros ist zwar alt, als Architektin empfinde ich den Bau aber als gelungenes Werk aus den 70er-Jahren. Was das Einkaufserlebnis betrifft, so erhalte ich in der Migros, was ich brauche. Was ich nicht finde, besorge ich in lokalen Geschäften.

Wie gross ist Ihr Verständnis dafür, dass die Migros im Zentrum einen Neubau erstellen will?

Louis: Der Heimatschutz und ich haben Verständnis dafür. Wir kritisieren aber die Grösse des Projektes und die fehlende Rücksicht auf das Herisauer Ortsbild sowie auf die geschützten Kulturgüter wie den Brühlhof.

Was für eine Migros wollen Sie denn?

Louis: Wir wünschen uns eine Migros ohne die überdimensionierte Mantelnutzung. Die geplanten zwölf zusätzlichen Kettenläden und die 25 Wohnungen sind zu viel. Wir wünschen uns ein redimensioniertes Projekt.

Herr Diethelm, warum plant die Migros einen Bau mit Zusatznutzungen?

Diethelm: Unser Supermarkt sollte um einen Drittel grösser werden, um das vorhandene Angebot in adäquater Form abbilden zu können. Zudem ist es auch in Ausserrhoden Ziel, Bauland effizient zu nutzen und verdichtet zu bauen. Die logische Konsequenz daraus ist eine Mehrnutzung. Es gibt kein Einkaufszentrum, sondern eine Mischnutzung mit Gewerbe, Gastronomie, Detailhandel und Wohnen. Aufgrund der Rahmenbedingungen ist eine isolierte Nutzung einzig und allein für den Handel betriebswirtschaftlich nicht realisierbar.

Heisst, auf der genau gleichen Fläche wie heute kommt eine Migros nicht in Frage.

Diethelm: Aufgrund der Hanglage und wegen der Vorgabe, dass die Anlieferung nicht mehr über die Kasernenstrasse erfolgen darf, können wir kein Zentrum auf der heutigen Fläche abbilden.

Frau Louis, es gibt keine andere Möglichkeit als einen grösseren Bau.

Louis: Doch, die gibt es. Und vor allem hätte man Alternativen prüfen müssen. Wir sind der Meinung, dass unter Beibehaltung des Brühlhofs auch eine vergrösserte Migros möglich ist.

Der Vorwurf der mangelnden Alternativen kam auch bereits an einem Podium. Herr Diethelm, was sagen Sie dazu?

Diethelm: Das stimmt nicht. Wir haben verschiedene Alternativen geprüft. Dabei wurde auch das Aussiedeln geprüft. Aufgrund der Diskussionen mit Anwohnern, Gemeinde und Kunden sind wir zum Schluss gekommen, dass das nun vorliegende Projekt der einzig gangbare Weg ist.

In der öffentlichen Wahrnehmung fehlen die Alternativen aber tatsächlich. Wo sind diese denn versandet?

Diethelm: Die Alternativen sind im Gespräch mit der Gemeinde und bei unserer internen Beurteilung versandet. Wenn es betriebswirtschaftlich undenkbar ist, macht es wenig Sinn, ein solches Projekt in die Öffentlichkeit zu tragen.

Louis: Genau das hätten wir uns aber gewünscht. Das wäre auch das normale Vorgehen.

Diethelm: Da muss ich widersprechen. Wenn eine Alternative aus Sicht der Eigentümerschaft keine Chance hat, braucht es keine öffentliche Diskussion.

Louis: Das nun geplante Shoppingcenter gehört aber an eine Autobahn. Wir befürchten, dass damit der geschützte Brühlhof verlorengeht und dass das geplante Center nicht der Herisauer Bebauungsstruktur entspricht. Zudem wird durch die Mantelnutzung das lokale Gewerbe geschwächt. Was Herisau bleibt, ist der Mehrverkehr.

Diethelm: Nochmals: Es ist kein Shoppingcenter, sondern ein regionales Kleincenter, das gemäss Raumplanungsgesetz in einer verdichteten Bauweise realisiert wird. Es ist die beste Lösung für uns und für Herisau.

Und dieses Projekt findet derzeit breite Unterstützung; sogar seitens des Gewerbes. Frau Louis, worauf stützen Sie sich, wenn Sie sagen, das lokale Gewerbe würde geschwächt?

Louis: Wenn ein Shoppingcenter von dieser Grösse für Herisau gebaut wird, werden alle Bedürfnisse abdeckt. Man muss überhaupt nicht mehr ins Dorf.

Das ist Ihre interne Feststellung beim Heimatschutz. Oder haben Sie mit Gewerblern gesprochen?

Louis: Das sind unsere Überlegungen. Zudem gibt es auch eine Interurban-Studie zum Versorgungszentrum Herisau aus dem Jahr 2013, welche eine nachteilige Wirkung für das lokale Gewerbe prognostiziert.

Diethelm: Das ist ihre Interpretation. Die Analyse der Studie hat ergeben, dass Herisau unterentwickelt ist und die Kundenfrequenz im Zentrum für ein überlebensfähiges Gewerbe fehlt.

Sprechen wir noch über den Brühlhof. Warum will der Heimatschutz diesen erhalten?

Louis: Der Brühlhof ist ein intaktes Kultur- und Schutzobjekt. Und die Schutzentlassung darf nur geschehen, wenn Alternativen geprüft worden sind und wenn es einen architektonisch hochwertigen ortsbaulichen Ersatz gibt.

Diethelm: Selbstverständlich haben wir ein Verständnis für Kulturobjekte. Doch wir haben auch einen Auftrag und versuchen, unseren Kunden ein entsprechendes Angebot zu unterbreiten. Wir wollen eine vernünftige Einkaufssituation in Herisau schaffen.

Louis: Und eine solche ist möglich mit Erhalt des Brühlhofs.

Diethelm: Nein, das funktioniert nicht. Auch betriebswirtschaftlich macht ein kleineres Projekt keinen Sinn.

Frau Louis, sind Sie blind gegenüber den betriebswirtschaftlichen Gegebenheiten?

Louis: Nein, aber man kann immer aus einer Investition noch mehr Rendite schlagen. Doch ebenso wichtig wie die Wirtschaftlichkeit sind Kulturobjekte. Das vorliegende Projekt fordert zu grosse Opfer an der geschützten historischen Substanz.

Müsste man sich jetzt nicht fragen, was Herisau weiterbringt? Ein geschütztes Objekt oder eine moderne Einkaufsinfrastruktur?

Louis: Ein belebtes, schönes historisches Ortszentrum bringt Herisau weiter. Eine Migros gehört dazu, aber nicht in dieser Grösse.

Diethelm: Wir sind überzeugt, dass unser Bauprojekt ein wichtiger Bestandteil für das künftige Dorfzentrum von Herisau ist. Mit dem Neubau sind wir in der Lage, eine Grundfrequenz zu generieren, von der auch das Herisauer Gewerbe profitieren kann. Leere Geschäfte haben wir zur Genüge.

Ende November wird über die planungsrechtlichen Grundlagen abgestimmt. Werden diese abgelehnt, ist dann die Migros im Zentrum von Herisau Geschichte?

Diethelm: Das ist zu befürchten. Bei einer Ablehnung an der Urne macht es wenig Sinn zum jetzigen Zeitpunkt, mit den jetzigen Vorgaben und dem jetzigen Wissen etwas weiterzubearbeiten.

Was möchten Sie zum Schluss den Stimmbürgern mitgeben.

Louis: Ich möchte zwei Fragen zu bedenken geben: Darf man ein intaktes geschütztes Objekt unwiderruflich zerstören, ohne Alternativen geprüft zu haben? Und darf man ein neues Dorfzentrum bauen, ohne sich zu überlegen, was mit dem historisch gewachsenen Kern passiert?

Diethelm: Wir sind froh, dass der Stimmbürger endlich zum Projekt Stellung beziehen kann. Natürlich hoffe ich, dass die Herisauer zum Schluss kommen, dass es die Migros braucht und der Schutzentlassung zugestimmt werden kann.

Eva Louis Präsidentin Heimatschutz AR (Bild: mge)

Eva Louis Präsidentin Heimatschutz AR (Bild: mge)

Peter Diethelm Geschäftsleiter Migros Ostschweiz (Bild: mge)

Peter Diethelm Geschäftsleiter Migros Ostschweiz (Bild: mge)