Schläpfers «Nachtarbeiten»

Der Titel mutet geheimnisvoll an: «Lucubrationen», zu Deutsch «Arbeiten bei Licht» oder «Nachtarbeiten».

Heidi Eisenhut Leiterin Ar Kantonsbibliothek
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Der Titel mutet geheimnisvoll an: «Lucubrationen», zu Deutsch «Arbeiten bei Licht» oder «Nachtarbeiten». Und die Persönlichkeit, die das Werk geschrieben und in drei dicken Bänden als Manuskript hinterlassen hat, ist eine faszinierende: Johann Georg Schläpfer, geboren anno domini 1797 in Trogen und in den 1810er-Jahren Medizinstudent in Tübingen. Mit 19 Jahren promovierte er zum «Med. et Chir. Doctor» und kehrte nach Trogen zurück. In seiner Heimatgemeinde führte er bis 1829 eine Arztpraxis, bevor er sich für die letzten Jahre seines kurzen Lebens bis zu seinem Tod 1835 ausschliesslich naturwissenschaftlichen Studien widmete.

Ein Naturkundemuseum

Schläpfer initiierte ein kantonales Herbarium und erweiterte in seinem Wohnhaus an der Halden in Trogen sein Naturalienkabinett mit mineralogischen Objekten, Skeletten von Tieren, Schädeln, Tierpräparaten und menschlichen wie tierischen Abnormitäten, die er, in Alkohol eingelegt, in Schränken mit Glastüren aufbewahrte. Dieses eigentliche «Naturkundemuseum» war über die Kantonsgrenzen hinaus bekannt und zur Attraktion für Besucherinnen und Besucher geworden. Daneben unterhielt er einen privaten Zoo mit lebenden Tieren wie Bären, Gemsen, Stachelschweinen, Affen, einem Bartgeier, Papageien oder Schildkröten. Schläpfer beauftragte den Zeichner Johann Ulrich Fitzi (1798–1855), seine Tiere systematisch aufzunehmen. Er selbst verfasste Beschreibungen dazu.

Damit aber nicht genug: Seine Interessenfelder erstreckten sich darüber hinaus auf historisch-geographische und in seinen Worten «geognostische» sowie philosophische Abhandlungen mit vielsagenden Titeln wie «Glaubensbekenntnis eines Christen», «Glaubensbekenntnis eines Materialisten» und «Glaubensbekenntnis eines Dreisten» zum Auftakt von Band 2. Als Besitzer des Schlosses Werdenberg hinterliess er im dritten Band 50 Seiten «Bemerkungen über das Schloss, die ehemaligen Grafen und die Grafschaft Werdenberg im Kanton St. Gallen» mit einer Ansicht des Schlosses, Stammtafeln, Grundrissen und Plänen.

Digitalisierung und Online

Die drei Bände «Lucubrationen» werden unter dem Namen Ms. 301 : 1–3 in der Kantonsbibliothek aufbewahrt. Ihre Digitalisate, hergestellt in der «dreischiibe», St. Gallen, sind Bestandteil von «Jahrhundert der Zellweger» (www.jahrhundertderzellweger.ch/lesen) und im Laurenz-Zellweger-Zimmer im Gemeindehaus Trogen auf einem iPad anzuschauen. Darüber hinaus sind sie zusammen mit weiteren Handschriften aus den Sammlungen der Kantonsbibliothek bei «e-codices – Virtuelle Handschriftenbibliothek der Schweiz» im Internet frei verfügbar. Via www.e-codices.unifr.ch/de/list/one/ cea/Ms0301-1 kommen Sie direkt auf Band 1. Unter Eingabe von e-codices.textandbytes.com/ haben Sie auch die Möglichkeit, sich die drei Bände «Lucubrationen» auf Ihr persönliches iPhone oder Ihren iPad zu holen. Wir wünschen Ihnen viel Freude beim Entdecken der Federaquarelle von Johann Ulrich Fitzi und der Texte von Johann Georg Schläpfer, die derzeit von Transkriptionspartnerinnen und -partnern der Kantonsbibliothek transkribiert und damit ebenfalls maschinenlesbar gemacht werden. Sie, liebe Leserinnen und Leser, werden hiermit mit Sicherheit nicht zum letzten Mal von Johann Georg Schläpfer und seinem grossartigen Werk gehört haben.

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