Schatz, du bisch en Totsch

Wenn ich Zug fahre – und ich fahre auch jetzt noch sehr oft Zug, obwohl ich in meiner Frühpension nicht mehr täglich in die Halbgefangenschaft, in die Verbannung muss – ist es so meine Eigenart, mich in mich selbst zu versenken; ich versuche, meine

Paul Gisi
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Bild: Paul Gisi

Bild: Paul Gisi

Wenn ich Zug fahre – und ich fahre auch jetzt noch sehr oft Zug, obwohl ich in meiner Frühpension nicht mehr täglich in die Halbgefangenschaft, in die Verbannung muss – ist es so meine Eigenart, mich in mich selbst zu versenken; ich versuche, meine Empfangsantennen hinunterzufahren. Am liebsten würde ich sie ganz abstellen, doch das gelingt mir nicht immer, es kommt auch auf die kleinere oder höhere Masslosigkeit der Lautstärke an, mit der die andern Zugfahrenden irgendeinem Natelempfänger oder einer Natelempfängerin mit trompetenten Gestus der Weltwichtigkeit mitteilen, wo sie gerade sind – kurz vor oder nach Hinterpfupfingen – und fragend ins heilige (oder genauer gesagt ins geile) Natel schreien: Was machsch hüt Obig? Nein, ich habe keinen Bock, Mensch-Mann, ich komme erst um sieben Uhr nach Hause, und dann muss ich duschen, dann nachtessen, und das tönt immer so, als würde die Welt aus den Angeln gehoben, als marschierte Hannibal ein zweites Mal mit Elefanten über die Alpen, als würde die Welt an einem achten Schöpfungstag neu geschaffen.

Letzthin konnte ich im Zug kaum lesen, denn zwei urchige, ungehemmt lautstark palavernde Mordskerle tauschten ihre ohrenbetäubend markerschütternden Erlebnisse aus, da sie sich offensichtlich längere Zeit nicht mehr gesehen hatten. «Mein Scheisschef hat mir gekündigt, nun stemple ich wieder.» «Ich habe auch noch keine Arbeit, doch auf dem RAV spinnen sie, die haben von nichts eine Ahnung.» «Übrigens, weisst du schon, dass Kari letzte Woche gestorben ist?» «Ohne Scheiss, Mann?» «Ich rede keinen Scheiss, ich weiss es von Anna, und die muss es doch wissen, sie war seine Frau.»

Bei einer Haltestelle setzte sich ein zärtlich gurrendes, schnäbelndes, junges Liebespaar in mein Vierersitzabteil, beide waren etwa zwanzigjährig, sie schauten mich an, als wäre ich Methusalem vom hintersten Berg, sie schauten auf mein bildbandgrosses dickes Buch auf meinen Beinen – es war «Der geheime Tempel von Tibet. Eine mystische Reise in die Welt des Tantra» – sie lachten und küssten sich innig selbstvergessen. Als der Zug abfuhr, kreischte die junge Frau entsetzt auf und schrie: «Du, dort auf dem Perron steht meine Handtasche mit dem neuen Natel drin, ich habe sie vergessen.» Der Jungverliebte schaute aufs Perron, sah die Handtasche seiner Herzinniggeliebten, schaute sie an und sagte ernst: «Schatz, du bisch en Totsch.» Dieser Satz hat mich einige Tage heiter gestimmt.

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