Saubere Glatt – endlich

Die Glatt ist wichtig für Herisau – es gilt, ihr Sorge zu tragen. Das zeigt ein Blick in die Geschichtsbücher. Das zeigten aber auch die Ausführungen von Gemeinderätin Regula Ammann-Höhener am Mittwochabend im Einwohnerrat.

Patrik Kobler
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Die Glatt ist wichtig für Herisau – es gilt, ihr Sorge zu tragen. Das zeigt ein Blick in die Geschichtsbücher. Das zeigten aber auch die Ausführungen von Gemeinderätin Regula Ammann-Höhener am Mittwochabend im Einwohnerrat. Sie erinnerte an das Spätmittelalter, als sich entlang der Glatt Mühle an Mühle reihte. Diese Mühlen legten später den Grundstein für die Industrialisierung von Herisau. Wie aus der Gemeindechronik hervorgeht, entstand um 1740 in einem älteren Mühlebetrieb eine erste als «Fabrique» bezeichnete Stoffdruck-Manufaktur. Die frühe Industrialisierung führte dazu, dass das Herisauer Glatttal um 1750 zu den am dichtest besiedelten Gebieten Europas gehörte. Bis zum Ersten Weltkrieg zählte der unverbriefte Ausserrhoder Hauptort zu den bedeutendsten Schweizer Industriestädten. Damals sollen die Kinder jeweils gejubelt haben, wenn die Glatt farbig daherkam, weil dies bedeutete, dass der Vater Arbeit hatte.

Heutzutage jubelt niemand mehr, wenn die Glatt verfärbt ist. Ende der 1980er-Jahre wurde sogar die Schliessung des Kindergartens Untere Fabrik verlangt, weil die Glatt zu stark belastet sei für die Kinder. Seither hat sich viel getan. Die 1973 in Betrieb genommene Abwasserreinigungsanlage (ARA) Bachwis wurde in den Jahren 1990–99 in drei Etappen saniert. Über 21 Mio. Franken sind damals investiert worden. Gleichwohl ist die Wasserqualität der Glatt immer noch ungenügend. Unbefriedigend ist vor allem die hohe Belastung des Flusses mit schwer abbaubaren organischen Kohlenstoffverbindungen. Der Grenzwert wird laut Angaben des Kantons St. Gallen ab der ARA Herisau fast dauernd und teilweise deutlich überschritten. Zwar nehmen dank der zunehmenden Verdünnung des gereinigten Abwassers mit sauberem Flusswasser die Werte flussabwärts ab, trotzdem drängen sich Massnahmen auf. Die Glatt ist nicht nur wichtig für Herisau, sondern auch für andere Gemeinden in der Region. Sie dient im Bereich der unterliegenden Thur verschiedenen Trinkwassernutzungen. Was in Herisau mit Schaum und Verfärbungen daherkommt, endet also irgendwann im Wasserglas – kein prickelnder Gedanke!

Obwohl die Belastung durch die Textilindustrie in den vergangenen Jahren markant zurückgegangen ist, gilt sie mit ihrem hohen Anteil an schwer abbaubaren Verbindungen als wichtigste Ursache des Übels. Grosse Mengen betrieblicher Abwässer, die mit Webereihilfsstoffen, Farbrückständen und weiteren Textilhilfsmitteln belastet sind, fallen bei der Cilander an.

Das Traditionsunternehmen wird denn auch speziell in die Verantwortung genommen. So hat es beispielsweise auf Anordnung des Amts für Umwelt AR künftig seine Abwassermengen gleichmässig abzuleiten. Gemeinsam mit der Gemeinde und dem Kanton hat die Cilander 2006 eine Studie in Auftrag gegeben, um eine Möglichkeit zu finden, wie die Verunreinigungen eliminiert werden können. Als beste Lösung erwies sich, eine zusätzliche Pulver-Aktivkohle-Reinigungsstufe in der ARA einzufügen. Die Kosten dafür belaufen sich auf 4,64 Mio. Franken. Fast ein Million steuert die Cilander bei, den Rest teilen sich Kanton und Gemeinde.

Die zusätzliche Reinigungsstufe ist mit fast 5 Mio. Franken eine ansehnliche Investition. Im Einwohnerrat sorgten die Ausgaben am Mittwoch für keine Diskussionen. Der Handlungsbedarf ist unbestritten; selbst den Sparfüchsen im Rat ist bewusst, dass Herisau nicht länger unsauberes Wasser flussabwärts leiten darf. Schliesslich ist die Glatt nicht nur für Herisau wichtig, sondern auch für andere Gemeinden in der Region.

Es gilt, der Glatt Sorge zu tragen. Schon der Ausserrhoder alt Nationalrat Herbert Maeder wies einmal darauf hin, dass die Glatt kein Abwasserkanal ist, sondern ein lebendiger, schöner Fluss. Dank der geplanten Reinigungsstufe gewinnt er als Lebensraum an Schönheit hinzu. Heute würden jeweils viele besorgte Spaziergängerinnen und Spaziergänger bei der Gemeinde anrufen, weil es unterhalb der ARA Verfärbungen und Schaum in der Glatt habe, sagte Regula Ammann-Höhener im Einwohnerrat. Diese Bilder gehören hoffentlich bald der Vergangenheit an. Trotz der intensiven Nutzung wird die Glatt ein sauberes Gewässer sein. Eines Tages werden die Chronisten vielleicht von jubelnden Kindern berichten, die sich an der Natur erfreuten.

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