Sanchez lehrt den Stierkampf

JJulio Iglesias wird kommen!» Doch die Ansage wirkt etwas hilflos. Der Star des Abends ist nämlich noch gar nicht da. Da wartet ein fast voller Chössi-Saal in Lichtensteig auf den singenden Herzensbrecher, aber der verspätet sich.

Michael Hug
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Angel Ramos Sanchez geht im Chössi-Theater in Lichtensteig pantomimisch auf Tauchgang. (Bild: Michael Hug)

Angel Ramos Sanchez geht im Chössi-Theater in Lichtensteig pantomimisch auf Tauchgang. (Bild: Michael Hug)

JJulio Iglesias wird kommen!» Doch die Ansage wirkt etwas hilflos. Der Star des Abends ist nämlich noch gar nicht da. Da wartet ein fast voller Chössi-Saal in Lichtensteig auf den singenden Herzensbrecher, aber der verspätet sich. Dem Ansager fällt die undankbare Aufgabe zu, die tote Zeit zu überbrücken. Nun steht er erst mal ratlos da, zieht die Schultern in die Höhe und verzieht die Miene. Das ist kein wirklich überraschender Plot, den sich Angel Ramos Sanchez da ausgedacht hat. Eine Handvoll Komiker und Kabarettisten hat sich diese Ausgangs- schon zur Grundlage eines abendfüllenden Programms gemacht. Auch der spanische Pantomime Sanchez, doch er kann immerhin behaupten, die Idee als Erster gehabt zu haben.

Undankbare Rolle

Es war in den späten Sechzigerjahren, als seine Karriere mit ebendiesem Programm, damals noch «En attendant Julio» («Auf Julio wartend») getauft, begann. Inzwischen hat der Spanier das Warten auf den Superstar schon mehr als 1500 Mal gezeigt. Auch im Chössi-Theater, auch am vergangenen Samstagabend, und das an dieser Stelle schon zum drittenmal in mehr als 30 Jahren. Ansager Sanchez fällt in «Warten auf Julio» die undankbare Rolle zu, das Warten zu überbrücken. Er muss sich einiges einfallen lassen, die Zeit wird lang, aber dank seiner überbordenden Phantasie, gepaart mit kindlicher Theatralik, fällt ihm immer wieder etwas Unterhaltendes ein. Dabei folgt er nicht einer haargenau vorgefassten Choreographie. Wenn er spürt, dass das Publikum auf Fussball nicht enthusiastisch genug reagiert, wechselt er zum Stierkampf: «Kennen Sie die Corrida?» Er ist kein lupenreiner Pantomime, denn er spricht sehr gerne, meistens in Spanisch, gegen Ende des Programms auch in Französisch. Das eine und andere Gehörte bleibt im Vorhof der eigenen Sprachkenntnisse zwar hängen, aber Sanchez' Geduld und Gesten helfen darüber hinweg.

Mitspielen im Tarzan-Sketch

Wenn er den Stierkampf zelebriert, dann lehrt er das Publikum auch, wann es «Olé» zu skandieren oder wie es mitzuspielen hat im Tarzan-Sketch. Der im übrigen von den drei auserwählten Zuschauenden einiges an Improvisationskunst abverlangt. Dann Sanchez kann auch zaubern. Nicht gerade mit den neuesten Tricks – diese sind wie das Programm auch schon 30 Jahre alt –, doch er macht dies so gekonnt wie liebevoll, dass man nicht naserümpfend, sondern herzlich lachend Beifall spendet. Auch wenn man weiss, wie der Trick mit den verschwundenen Daumen geht – Sanchez beherrscht ihn immer noch mit der Brillanz eines Kindes, das nächtelang mit seinem Zauberkasten geübt hat und ihn nun im Kreise der Familie vorführt. Kein Götti, kein Opa, keine Tante würde da nicht herzhaft lachen und Beifall applaudieren. Und längst vergessen haben, das Julio Iglesias nicht nur zu spät, sondern gar nicht gekommen ist.