Sagenumwobene verlassene Alp

GLOGGERN. Am Fuss der Nordwand der Marwees steht ein alter Schweinestall, daneben sind die Grundmauern der Hütte und eines weiteren Stalls erkennbar. Um die verlassene Alp Gloggern ranken sich Geschichten und Mythen.

Roman Hertler
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Imposant liegt die Alp Gloggern im Felsen oberhalb der Schrennen mit den Altenalptürmen im Hintergrund. (Bild: rh)

Imposant liegt die Alp Gloggern im Felsen oberhalb der Schrennen mit den Altenalptürmen im Hintergrund. (Bild: rh)

Der Aufstieg beginnt von der Alp Grosshütten in Richtung Bogartenlücke. In der Unteren Mans zweigt man rechts ab. Ein Stacheldrahtzaun muss überwunden werden. Vor ein paar Jahren hing noch ein Warnschild daran. Nach dem Zaun geht es weiter entlang der Höhenlinie über steil abfallende Wiesen. Den parallel zum Schrennenweg verlaufenden Pfad mehr erahnend als erkennend, wird der zweite Gloggernkopf erklommen, von wo sich einem der Blick über die Hüttenalp, die Seealp und weiter hinten den Säntis und die Altenalptürme öffnet. Nach der Querung eines kleinen Bächleins und des dritten Gloggernkopfes gelangt man endlich zur ehemaligen Alp Gloggern, von der nur noch der Schweinestall steht. Vom Kuh- und Ziegenstall und der Hütte sind lediglich die Grundmauern übriggeblie-ben.

Wildheu und Viehhaltung

Die Alp wurde vorwiegend zur Gewinnung von Wildheu genutzt. Aber auch Kleinvieh und teilweise sogar Rinder wurden hier oben gesömmert, wie Adolf Fässler, der Senn der Alp Grosshütten, zu berichten weiss. Seine Mutter sei als Geissenmädchen auf der Alp gewesen und habe bis zu 80 Ziegen und Kitze gehütet. Er selbst hat für seinen Vater bis Ende der 60er-Jahre noch gemäht. Alles von Hand natürlich. Das Heu wurde entweder in die Mans getragen und mit dem Schlitten ins Tal gebracht oder später an einem Drahtseil ins Tal gefahren. Das Ganze hat aber nicht mehr rentiert. Das Risiko war zu hoch, und so wurde die Bewirtschaftung schliesslich eingestellt.

Der Name Gloggern wurde von der glockenförmigen Felsformation abgeleitet. Seit 1706 war die Gloggern eine Gemeinalp, das heisst, dass der Boden im Besitz des Inneren Landes blieb und lediglich das Baurecht für Gebäulichkeiten und das Alprecht veräussert wurden. Zwischen 1861 und 1936 sind insgesamt 18 Handänderungen verzeichnet. Ein Hauptgrund für den häufigen Wechsel war sicherlich die exponierte Lage der Alp und der riskante Zustieg, der sogar für das trittsichere Kleinvieh eine Gefahr darstellte. Der Alpinspektor von 1893 bezeichnete in seinem Bericht eine Verbesserung des Bergweges als notwendig, weil sogar ihm bei der Passage «etwas gegraust» hätte.

Schaurige Geschichten

Nachdem das Hüttenrecht 1936 wieder an den Kanton übergegangen war, wurde die Alp nur noch verpachtet. Es soll einen Pächter gegeben haben, «Hehli» genannt, der nicht bloss die Alp bewirtschaftet habe, berichtet Fässler. Auf nächtlichen Streifzügen durch die umliegenden Alpen habe er Hütten aufgebrochen und Werkzeug, Kochgeschirr und andere Gerätschaften gestohlen, die er über die Saxerlücke brachte und im Rheintal feilbot. Teilweise habe er seine Beute in einem Holzfass gelagert, das er unter einem Felsvorsprung auf den Gloggern vergraben hatte. Auf dieses Fass seien Fässler und sein Bruder einst zufällig bei der Heuet gestossen. Beweisen konnte man dem «Hehli» aber nichts.

Weitere Geschichten ranken sich um einen tödlichen Unfall. Am 2. September 1902 stürzte der erst siebenjährige Josef Anton Dörig von der Gloggern hinunter in die Schrennen. Offenbar hat er den Steinen nachgeschaut, die er zuvor herunterfallen liess und rutschte dabei aus, so der Bericht im «Appenzeller Volksfreund». Die Erzählung geht um, dass sich während der Beerdigung des Knaben ein Gewitter zusammengebraut habe. Das Unwetter habe dann acht der sechzehn auf Gloggern weidenden Rindern in die Tiefe gerissen. Gesichert ist allerdings nur der Tod des Jungen.

Gemsen und Steinböcke

Heute halten sich auf der Gloggern nebst einigen Bergsteigern und dem Wildhüter vor allem Gemsen auf. Sechzehn Stück habe er letztens gezählt, so der Grosshütten-Senn Fässler. Zur Gründung einer Kolonie wurde 1955 auf der Gloggern Steinwild ausgesetzt, ein Geschenk des Kantons Graubünden. Steinböcke sind auf der Gloggern aber schon lange keine mehr zu sehen, meint Fässler. Diese sind kurz nach ihrer Aussetzung in das Altmann-Gebiet weitergezogen, wo später weitere Tiere angesiedelt wurden. Seine Ziegen steigen nur noch selten auf die Gloggern, so Fässler, «wenn eine Leitziege wieder mal eine Macke hat».