«Säntisfahrt war Attraktion genug»

Zwei, die seit bald 30 Jahren zusammengehören: Der Säntis und Hans Höhener. An der Generalversammlung der Säntis-Schwebebahn AG gestern Freitag gab er das Mandat als Verwaltungsratspräsident ab. Er hat dem Berg gut getan – und vice versa.

Monika Egli
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Nach 27 Jahren hören Sie als Verwaltungsratspräsident der Säntis-Schwebebahn AG auf. Ist es Ihnen verleidet?

Hans Höhener: Nein, auf keinen Fall! Aber wir haben die interne Regelung, dass man mit 70 Jahren das Mandat abgibt. Ich könnte zwar noch ein Jahr bleiben, aber jetzt ist der passende Zeitpunkt: Der Hotelneubau ist abgeschlossen, und wir konnten mit Hansruedi Laich eine gute Nachfolge aufgleisen.

Sie sind überaus stark mit dem Säntis verbunden. Der Rücktritt ist für Sie wohl ein emotionaler Moment?

Höhener: Das ist so. Der Säntis und unsere Unternehmung sind mir in all diesen Jahren sehr ans Herz gewachsen.

Wie hat Ihre «Säntis»-Zeit eigentlich angefangen?

Höhener: Als ich Redaktionsleiter beim Appenzeller Tagblatt war, wurde ich gefragt, ob ich ab und zu einen Text über die Säntisbahn schreiben würde. Dann kam die Anfrage, ob ich das Protokoll der Generalversammlung übernähme, denn früher hat dies stets der Chefredaktor der Appenzeller Zeitung gemacht. Schliesslich fragte man mich wegen einer Broschüre zum 50-Jahr-Jubiläum, und dann fand man, es sei gescheiter, wenn ich gleich in den Verwaltungsrat käme. Das war 1984 und ich hatte den Auftrag, das Marketing aufzubauen.

Immerhin schon 1984: Gab es da noch kein Marketing für den Säntis?

Höhener: Nein, ausser einigen Prospekten und Plakaten hatte man nichts – der Berg stand einfach da. Nachdem in den 60er- und 70er-Jahren aber viele neue Bergbahnen und moderne Freizeitangebote wie das Alpamare gebaut worden waren, gerieten wir zunehmend in eine Konkurrenzsituation. Auf alten Filmen sieht man, dass früher alleine schon die Fahrt auf den Säntis eine Attraktion war. Heute aber braucht es mehr: Ein gutes gastronomisches Angebot, gute Dienstleistungen für Anlässe und Tagungen, Konzerte, Ausstellungen und ähnliches.

Was haben Sie als erstes unternommen?

Höhener: Wir haben eine Aussendienstmitarbeiterin angestellt, die dann viele Jahre eine tolle Arbeit leistete. Heute haben wir ein ganzes Verkaufsteam mit einem Chef Marketing. In diesem Bereich hat sich im Laufe der Jahre enorm viel verändert. Alleine, um den Stand zu halten, muss man in eine innovative Angebotsgestaltung, ins Marketing und in den Verkauf investieren.

Wie hoch ist die Frequenz der Bahn?

Höhener: Rund 400 000.

Ist die Säntis-Schwebebahn damit an der Kapazitätsgrenze?

Höhener: Nein, es wäre noch mehr möglich. Wir haben gesehen, dass mit dem neuen Hotel die Frequenzen im Mai bereits angestiegen sind, und das trotz des schlechten Wetters. Schlüsse kann man daraus zwar noch nicht ziehen, aber sicher ist, dass das Gesamtunternehmen ein deutlich besseres Ergebnis erwirtschaften wird.

Dann ist das neue Hotel also gut angelaufen?

Höhener: Ja, sogar sehr gut, und das hat sicher mit einigen Faktoren zu tun. Wir leben in einer wunderschönen Landschaft mit einer einmaligen, lebendigen Volkskultur und eigenständigen, originellen Produkten, die wir auch touristisch hervorragend nutzen können. Dank der breiten Abstützung sind wir in der Region auch sehr gut verankert.

Gibt es noch weitere Faktoren?

Höhener: Wichtig ist auch die Preispolitik. Ich finde, im Tourismus müssen wir preissensibler werden. An vielen Orten sind die Hotelübernachtungen schlicht zu teuer. Ich weiss von Häusern der oberen Kategorie, die ihre Betten mit asiatischen Gästen zwar füllen, ihre Zimmer aber für 40 bis 120 Franken abgeben müssen, während der Preis gegen aussen mit 450 bis 600 Franken kommuniziert wird. Das ist fragwürdig. Mir sind die asiatischen Gäste auch lieb und wert, aber wir haben versucht, ein vernünftiges Mass für den mitteleuropäischen Gast zu finden. So kostet ein 25-m²-Standardzimmer 120 Franken pro Person im Doppelzimmer, inklusive Wellnessbenützung und Fahrt auf den Säntis. Die ersten Reaktionen sind sehr erfreulich, auch von Seminarorganisatoren.

Gilt dieser Preis in der Hoch- oder in der Nebensaison?

Höhener: Diesen Preis ziehen wir das ganze Jahr durch, denn Preiszuverlässigkeit wird geschätzt. Wir geben auch nicht einen Preis auf der Homepage an, der nur gilt, wenn sofort beim Buchen bezahlt wird und der sonst teurer wird.

Wie viele Aktionäre hat die Säntis-Schwebebahn AG?

Höhener: Als ich 1984 in den Verwaltungsrat kam, waren es rund 1400. Jetzt geht es gegen 16 000. Und damit hat man nicht einfach nur viele Besitzer, sondern auch viele Kunden und Botschafter für das Unternehmen – wenn man es gut macht.

Was kostet eine Aktie?

Höhener: Ihr Nominalwert beträgt 50 Franken. Mit dem Neubau ist ihr Wert um etwa 25 Prozent gestiegen. Bewegte sie sich vorher um 850 Franken herum, steht sie jetzt bei rund 1050 bis 1150 Franken mit steigender Tendenz.

Besitzt der Verwaltungsrat eine Aktienmehrheit?

Höhener: Nein, auch ausserhalb des Verwaltungsrats verfügt niemand über eine Mehrheit. Wir sind wie eine grosse Gemeinde mit 16 000 Einwohnern.

Ist es nicht schwierig, bei so vielen Aktionären ein Projekt wie das Hotel durchzubringen?

Höhener: Nicht, wenn man auf volle Transparenz setzt. Das habe ich schon als Politiker so gehandhabt: Alles auf den Tisch legen. Als ich 1989 Verwaltungsratspräsident wurde, galt es schon bald, das Projekt «Säntis 2000» in Angriff zu nehmen. In der Zeit von 1995 bis 1998 haben wir auf dem Gipfel zusammen mit der Swisscom 80 Millionen Franken investiert. Es war ein komplexes Unterfangen mit vielen Akteuren. Das Projekt betraf drei Kantone und der Heimatschutz erhob Einsprache – zum Glück! Denn er schlug ein so gutes Projekt vor, dass wir es übernommen haben. Damals habe ich gelernt, dass es am besten geht, wenn man mit allen Beteiligten und den Umweltverbänden rechtzeitig an einen Tisch sitzt und laufend informiert.

Viele finden, der Alpstein sei überlaufen. Das neue Hotel verschärft das noch…

Höhener: Wer heute ins neue Hotel kommt, sieht vorne die Parkplätze, den Verkehr, die vielen Besucher. Dann gehe ich auf Führungen mit den Leuten in ein Zimmer auf der hinteren Seite, zum Wald hin. Dort schaut man in eine ganz andere Welt, eine unberührte Wald-Weide-Landschaft. Dass es so viele Leute in den Alpstein zieht, hat damit zu tun, dass es eine ideale Wandergegend mit vielen gemütlichen Gastwirtschaften und tollen Gastgebern ist.

Trotzdem: Müsste nicht auch ein Ausgleich zum immer weiteren Ausbau von Gästen und Frequenzen geschaffen werden?

Höhener: Das haben wir getan. Wir haben vor 17 Jahren angefangen, den Naturerlebnispark aufzubauen, obwohl wir es mit diversen Auflagen zu tun hatten. Es gibt viele Schutzzonen auf der Schwägalp: Moor-, Natur- und Wildruheschutz sowie Zonen, die in das Bundesinventar der Landschaften und Naturdenkmäler von nationaler Bedeutung gehören. Viele sagten, in so einem Gebiet lasse sich gar nichts verwirklichen. Aber unsere Absicht war ja, das Gebiet zu schützen, zu erhalten und es trotzdem touristisch sinnvoll nutzen zu können. Mit «Weggeboten» zeigen wir auf, wo man das Gebiet passieren kann. Das ist im Gegensatz zu Verboten eine positive Massnahme, die hervorragend funktioniert.

Die Pläne für das Hotel stiessen wohl überall auf offene Ohren, heute wird es sogar als Flaggschiff des kränkelnden Ausserrhoder Tourismus gerühmt…

Höhener: Wir konnten unsere Chancen dank des Neubaus nutzen. Aber im Vorfeld erlebten wir natürlich auch oft viel Skepsis.

Und dann ist die Schwägalp ein top Standort.

Höhener: Stimmt, so einen Standort haben nicht viele. Aber vielfach geht es doch um Details. Wenn der Gast eine Zusatzleistung wie ein Mietauto oder die Organisation eines Ausflugs haben möchte, ist das eine Kleinigkeit, die auf Anhieb klappen muss – aber eben nicht überall klappt. Wir müssen unsere Einzigartigkeiten einsetzen, und solche haben wir auf kleinstem Raum: Hier der Alpstein, im Vorderland die ganz andere Hügellandschaft. Wir können zeigen, dass das Appenzellerland völlig verschiedene Regionen und Reize hat.

Ist es überhaupt richtig, in Appenzell Ausserrhoden auf den Tourismus zu setzen? Wäre «Altersheim der Nation» nicht auch eine Chance?

Höhener: Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass der Tourismus für eine Region volkswirtschaftlich und hinsichtlich Lebensqualität eine grosse Chance ist. Das Problem ist da und dort, dass die Wertschöpfung des Tourismus falsch gewertet wird. Auch die Umsätze der Säntis-Schwebebahn AG sind mit 13 bis 14 Millionen Franken nicht sehr hoch; es gibt Leute, die ein solches Jahresgehalt beziehen. Aber wir bewirken viel für die Region. Die Gäste gehen nach Appenzell, sie besuchen in St. Gallen ein Museum, fahren über das Toggenburg zurück… und das alles, weil sie im Hotel Schwägalp übernachten oder auf den Säntis wollten. Die Einheimischen anderseits haben Einrichtungen oder Anlässe, die sie ohne Tourismus nicht hätten.

Sowohl als Politiker wie auch als Verwaltungsratspräsident der Säntis-Schwebebahn AG werden Sie als umtriebiger Macher wahrgenommen. Können Sie sich überhaupt zur Ruhe setzen?

Höhener: Zur Ruhe setze ich mich noch nicht! Aber ich bin froh, dass ich mehr Zeit zur freien Verfügung haben werde. Vorerst bleibe ich Verwaltungsratspräsident von Appenzellerland Sport und Leiter der Ombudsstelle öffentlicher Verkehr der Deutschschweiz sowie Mitglied der UCI-Lizenzkommission (Union Cycliste Internationale). Ich gehe auch unglaublich gerne auf Reisen, am liebsten mit dem Zug. Ich freue mich auch auf mehr Zeit mit der Familie und mit meiner Frau. Und ja, dann habe ich noch Ideen und Pläne…