S-Bahn ist kein Quantensprung

Kommentar Ohne sich mit den Details zu befassen, konnte der öV-Benutzer bislang davon ausgehen, dass mit der Einführung der S-Bahn St. Gallen im Dezember 2013 das Angebot wesentlich attraktiver wird.

Patrik Kobler
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Kommentar

Ohne sich mit den Details zu befassen, konnte der öV-Benutzer bislang davon ausgehen, dass mit der Einführung der S-Bahn St. Gallen im Dezember 2013 das Angebot wesentlich attraktiver wird. Immerhin frohlocken die beteiligten Transportunternehmungen: «Das neue Angebot bedeutet einen Quantensprung für den öffentlichen Verkehr in der gesamten Ostschweiz. Durch kürzere Fahrzeiten und mehr Verbindungen wird der Osten besser vernetzt.»

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Nun hat diese Woche die Ausserrhoder Kantonsrätin Johanna Federer (SP) darauf hingewiesen, dass sich für die öV-Benutzer im Appenzeller Hinterland keineswegs alles verbessert. Und wirklich: Der Fahrplanentwurf hinterlässt gemischte Gefühle. Zwar streicht Lukas Gunzenreiner vom Ausserrhoder Volkswirtschaftsdepartement viele Verbesserungen hervor. Unter anderem wird neu auf der Linie Gossau–Appenzell–Wasserauen von morgens 5.47 Uhr bis 19.52 Uhr ab Gossau ein durchgehender Halbstundentakt angeboten. Und von Herisau nach St. Gallen fahren in der Hauptverkehrszeit mehr Züge als bisher.

Ausserhalb der Hauptverkehrszeit kann in Herisau aber nicht von einem «Quantensprung» die Rede sein. Vielmehr muss sogar von einer Verschlechterung die Rede sein. Bislang verkehrte jeweils gut alle zwanzig Minuten ein Zug nach St. Gallen. Zusätzlich hatte es in den Stosszeiten weitere Angebote. Obwohl nun ab Dezember vier statt bisher drei Züge pro Stunde fahren, gibt es ausserhalb der Hauptverkehrszeiten stündlich eine Lücke von 30 Minuten. Die S2, die heute jeweils neun Minuten nach der vollen Stunde fährt, verkehrt neu nicht mehr ab Herisau. Dafür fahren stündlich zwischen Minute 24 und 54 gleich vier Züge.

Auch auf den Fernverkehr Richtung Zürich hat der Fahrplanwechsel Auswirkungen; die Wartezeiten in Gossau verlängern sich teilweise. Auch dies macht die öV-Benutzung nicht attraktiver und verleitet dazu, mit dem Auto zum Bahnhof Gossau zu fahren oder sogar ganz auf die Zugfahrt zu verzichten.

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Freilich ist die Fahrplangestaltung eine komplexe Sache. Um die Standortattraktivität des Appenzeller Hinterlands nicht zu beeinträchtigen, gilt es aber, die Entwicklungen sorgsam zu beobachten. Unlängst wurde auch darüber spekuliert, ob der Voralpen-Express womöglich nicht mehr bis Luzern verkehrt. Auch dies wäre ein Verlust. Zudem steht immer noch die Einführung des «4-Zug-Konzept Fernverkehr» auf der Linie Zürich–St. Gallen im Raum. Heute halten mit Ausnahme der Eurocity-Züge nach München alle Züge auf dieser Achse. Das Konzept sieht nun tagsüber jede Stunde vier Fernverkehrszüge vor – je halbstündlich eine schnelle Verbindung ohne Halt zwischen Winterthur und St. Gallen sowie eine langsamere mit Halt in Wil, Uzwil, Flawil und Gossau. Die Umsetzung des neuen Konzepts ist für 2018 geplant.

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Erfreulich ist, dass es sich dabei um einen Angebotsausbau handelt. Für die Zugreisenden aus dem Hinterland bedeutet es aber, dass sie ab Gossau nur die langsamere Verbindung benutzen können; wenn sie die schnelle Variante wollen, müssen sie nach St. Gallen fahren. Für Leute aus Waldstatt und Urnäsch würde dies bedeuten, dass sie einmal mehr umsteigen müssen als heute. Auch dies ist keine Attraktivitätssteigerung.

Im Fürstenland wird fleissig für bessere Bedingungen geweibelt. Die Stadt Wil hat eine Studie in Auftrag gegeben, und Nationalrat Lukas Reimann hat vor einem Jahr eine Interpellation eingereicht. Auch die Appenzeller sind gefordert, ihre Interessen zu wahren. Über ein attraktives öV-Angebot zu verfügen, ist ein Standortvorteil. Ausserdem gilt es angesichts des hohen Verkehrsaufkommens auf den Strassen, eine Alternative anzubieten. Bei allen Verbesserungen: Hinketakt, lange Lücken und Wartezeiten sind kein Quantensprung.